Am anderen Ende der Welt – Teil 2

Studium am Sydney Conservatorium of Music

Teil 2 des Berichts “Am anderen Ende der Welt” 

Ich bin am Sydney Conservatorium of Music in ein für mich ganz neues Gebiet hineingeraten: Neal Peres da Costa ist Chair of the Early Music Department, das heißt, ich war voll in diesem Zweig des Conservatoriums involviert. Ich hatte die Möglichkeit, Erfahrungen auf alten, wunderbaren, historischen Instrumenten wie dem Cembalo, Clavichord, dem Hammerklavier sowie alten Konzertflügeln aus der Zeit der Romantik zu sammeln.

Am Strand
Werri Beach in Gerringong

Die Sammlung dieser Instrumente am Sydney Con ist beachtlich und größten Teils Peres da Costa zuzuschreiben. Er hat sich in seiner Position sehr um diesen Studienzweig gekümmert, ihn zum Blühen gebracht, viele Instrumente auf eigene Kosten angeschafft und diese seinen Studenten voll zur Verfügung gestellt hat. Sein letzter Ankauf war ein Nachbau des “Lieblingsklaviers” von Johannes Brahms:

Nämlich ein Streicher aus dem Jahr 1868, das im Wohnzimmer Brahms’ gestanden und auf dem dieser komponiert hatte. Auf diesem Instrument die Werke Brahms zu spielen ist ein Erlebnis für sich und eröffnet einen neuen Zugang zu dessen Musik, vermittelt ein neues Gespür, birgt eine neue Faszination. Dieses Instrument wurde überaus wertvoll für mich und ich vermisse es sehr.

Für Interessierte: Professor Neal Peres da Costa erläutert im Video die Besonderheiten der Replika eines 1868 Streicher Klaviers von Johannes Brahms

Hoch im Kurs: Selbständigkeit & Eigenverantwortung

Neben den Fächern im Bereich der Alten Musik absolvierte ich das Fach Begleitpraxis/Klavierbegleitung, das neben Einzelunterricht auch mit einem Tutorium als Korrepetitor zuerst in einer Gesangsklasse, danach in einer Klasse der Streich- oder Blasinstrumente verbunden ist.

Streicher
Klavierbegleitung Semester 2. Abschlussprüfung: Schumann Violinsonate in a-moll, op. 105 in der Recital Hall West

Auch hier habe ich außerordentlich viel gelernt. Die Prüfungen verlaufen strenger als bei uns (nach meinem Empfinden) und es gibt Noten von 1 – 5. Hier wird nach einem Punktesystem benotet: Jeder Professor in der Jury vergibt Punkte für einzelne Kriterien, woraus sich dann die Gesamtnote zusammensetzt. Auch wenn dies strenger war und ich von einigen Noten ein wenig enttäuscht wurde, entpuppte sich das Feedback als sehr wertvoll und konstruktiv.

Insgesamt wird am Conservatorium viel Wert auf Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gelegt. Ich war in Vielem auf mich allein gestellt. Wie viel ich lernen würde, wie viel Zeit und Energie ich investieren würde, wie viel für mich und meine künstlerische Zukunft herausschauen würde, all dies war “up to me”, meine eigene Verantwortung. Dies ist natürlich auch in Wien der Fall, oder sollte generell der Fall an allen Universitäten sein, aber meinem persönlichen Empfinden nach wird in Wien mehr vorgegeben, unterstützt, nachgegangen; Hilfestellungen werden von vorne herein angeboten.

Magdalena Radl am Klavier
Generalprobe vor der Abschlussprüfung im Music Workshop am Con

Die Übemöglichkeiten am Con sind hervorragend und das System des Übezimmer-Buchens ist um ein Vielfaches besser als an der mdw. Wenn man es klug anstellt (und motiviert ist), kann man auf ein Übepensum von zehn Stunden pro Tag auf sehr guten Instrumenten kommen.

Aus diesem Grund war ich oft (wenn ich motiviert war) von 7 Uhr früh bis um 11 Uhr abends am Con. Das klingt vielleicht schrecklich, ist es aber nicht, weil die erwähnten Cockatoo-/ Possum-/ Café-Übepausen im Botanischen Garten mit inbegriffen sind und ich mit meinen Übe-Leidensgenossen den Tag supermüde, aber äußerst zufrieden mit gemütlichen Schlemmerpartys bei unserem Lieblingschinesen ausklingen ließ.

Piano lessons

Der Klavierunterricht bei Neal Peres da Costa war besonders spannend, da ich neben dem Spielen und Experimentieren auf den verschiedenen Instrumenten (unter anderem auch auf einem Erard-Flügel aus dem Jahr 1850) außerdem noch theoretische Research mit meinem Professor betrieb.

Es herrschte generell ein reger Austausch zwischen uns, im Unterricht war viel Raum für Ideen und Diskussionen und bei aufkommenden Fragen hörten wir oft auch gemeinsam alte, neu entdeckte Tonaufnahmen von Chopins oder Brahms’ Schülern und deren Zeitgenossen an und verglichen sie mit Manuskripten und verschiedenen Editionen.

Magdalena Radl am Klavier
Nachbau eines Streicher Flügels von Johannes Brahms’ Lieblingsklavier, angefertigt vom Klavierbauer Paul McNulty. Warmer, samtener Klang. Brahms’ Werke machen so viel mehr Sinn auf diesem Instrument, auf dem er sie auch zum Großteil komponiert hatte.

Jeder Studienzweig am Con, in meinem Fall das Early Music Department (welches sämtliche Instrumentengruppen sowie kammermusikalische Ensembles beinhaltet), veranstaltet jede Woche eine Art Werkstattkonzert, wo alle Studierenden des jeweiligen Departments anwesend sein und mindestens drei mal pro Semester vorspielen müssen.

Dies ist eine wunderbare Möglichkeit, Auftrittserfahrung zu sammeln und jeder einzelne ist herausgefordert, den KollegInnen Feedback zu geben. Im Anschluss an jede Darbietung wird diskutiert und einige Anregungen werden auch direkt umgesetzt und ausprobiert. Meist leitet der vorstehende Professor diese Einheiten. Neal Peres da Costa lud auch renommierte KünstlerInnen von Partneruniversitäten, GastreferendInnen oder Lehrende von anderen Studienzweigen ein, da ein möglichst vielfältiger Input bzw. breitgefächertes Feedback sehr geschätzt wird.

Känguru
Roadtrip mit zwei Freundinnen – irgendwo zwischen Cairns und Brisbane

Chamber Music

Ein weiteres Highlight meines Aufenthaltes am Syndey Con war für mich die Kammermusik. In meinem Klaviertrio versuchte ich gemeinsam mit einem Barockgeiger und einem Barockcellisten unter der Leitung Peres da Costas romantisches Repertoire (Brahms, Schumann, Mendelssohn) auf historischen Instrumenten und im Stile der historischen Aufführungspraxis zu interpretieren. Ich spielte am Erard oder Streicher, die barocken Streichinstrumente der beiden Kollegen waren mit Darmsaiten “gut strings” bespannt, was für mich als Streichinstrument-Dilettantin einen sehr ungewohnten, anderen Klang bedeutete. Insgesamt eine äußerst interessante, wertvolle Erfahrung 🙂

Wiederum verglichen wir alte Aufnahmen mit modernen Interpretationen, untersuchten und diskutierten Bezeichnungen der Komponisten hinsichtlich Tempo, Artikulation, Strichtechniken, Dynamik, Agogik usw. und experimentierten mit den andersartigen Möglichkeiten unserer Instrumente. Ich bedauere sehr, dass wir am Ende keine Zeit mehr hatten, das Endergebnis auf einer qualitativen Aufnahme gebührend festzuhalten, aber ich habe vor, das bald nachzuholen!

Es gibt jedoch einige Aufnahmen des Ironwood-Ensembles meines Professors, das sich intensiv mit den eben genannten Gesichtspunkten befasst:

Fazit: Why I love Sydney

Wenn ich an meine Zeit in Sydney denke, fühle ich mich beschenkt und bereichert und möchte, je länger ich hier schreibe, in Erinnerungen schwelge und Fotos durchforste, sofort wieder zurück. Im Ernst.

Sydney Opera House
Das Sydney Opera House zur Zeit des Vivid Light-Festivals

Ich weiß, dass viele meiner dort am anderen Ende der Welt geschlossenen Freundschaften mein Leben lang bestehen werden. Verschiedene Leute aus verschiedenen Kulturen kennen zu lernen, ist eine Bereicherung, die sich kaum in Worte fassen lässt. Sydney ist eine einzigartige, bunte, multikulturelle Stadt. Das spürt man im Zug, am Markt, am Strand, in der Kirche, am Conservatorium. Und genau das habe ich an dieser Stadt so lieb gewonnen.

Am Strand
Roadtrip mit meiner Schwester – Sonnenuntergang am Glenelg Beach in Adelaide

Der Sommer, die Sonne, das Meer, die Strände, die Palmen, der botanische Garten, in dessen Mitte sich das Conservatorium befindet – ich habe noch nie einen schöneren Standort für eine Uni gesehen, nirgends auf der ganzen Welt. Wo sonst kann man in seinen Übepausen Cockatoos und Possums füttern, in einem Bezirk spazieren gehen, der “Woolloomooloo” heißt und sich im Schatten exotischer Pflanzen entspannen?

Sydney Harbour Bridge
Die Harbour Bridge zur Zeit des Vivid Light-Festivals

Die Leute, der “laid-back”-Lifestyle, die Offenheit, der ansteckende Optimismus, etc: All das ist mir so sehr ans Herz gewachsen, so dass ich mich jetzt oft innerlich zerrissen fühle. Hin- und hergerissen zwischen zwei Welten. Zwei Seelen in meiner Brust. Das ist der Preis, den ich bezahlt habe. Und das ist der Preis, den ich jederzeit wieder zahlen würde.

Koala
He’s got all the right koalafications!

Wie wunderbar ist es, zwei Orte sein zu Hause zu nennen? Sich in zwei Welten daheim zu fühlen? Menschen zu lieben, heißt auch Menschen zu vermissen. Das erlebe ich jetzt. Manchmal (vor allem in den kalten Jahreszeiten) fällt es mir schwer, mit meinen Gedanken “ganz hier” in Wien zu sein und auch zu bleiben. Dann sag’ ich mir immer wieder selbst: “Nein Magsi, du bist jetzt hier. Wien ist auch sehr schön. Und den Winter wirst du überleben, hast du bis jetzt immer. Und hier hast du ebenfalls tolle Freunde, die im Winter genauso frieren wie du.”

Dann trink ich einen heißen Matcha Green Tea mit Milchschaum und alles ist wieder gut 🙂

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