Am anderen Ende der Welt

Mein Exchange Adventure in Sydney

Mein Name ist Magdalena Radl, ich bin 24 Jahre alt und ich liebe Musik und die Sonne. Ich freue mich sehr, hier über mein exchange year (2 Semester von Juli 2014 bis Juli 2015) bei Prof. Neal Peres da Costa am Sydney Conservatorium of Music mit dem Hauptfach Historically Informed Performance Practice zu berichten.

Am Strand
Mein erster Tag am Strand nach meiner Ankunft im tiefen Winter (Anfang Juli)

Wie alles kam…

Schon während meines Bachelorstudiums habe ich mir vorgenommen ein Auslandssemester zu absolvieren. Immer und überall hört man, wie lohnend es sei und dass man all die Erfahrungen und Erlebnisse nie wieder missen möchte. Ja, es hat sich immer schon spannend angehört, aber es ist nie dazu gekommen. Nach meinem Abschluss, als ich mich für das Masterstudium angemeldet habe, dachte ich “Jetzt oder nie, letzte Chance”. Ich hatte bis dato mit den Partneruniversitäten in Frankreich (Paris, Lyon) spekuliert. Doch alles kam anders.

Nichts ahnend hab ich mich auf Vorschlag meines Klavierprofessors an der mdw für eine Masterclass mit einführendem Vortrag von einem gewissen Professor Neal Peres da Costa gemeldet, der als Spezialist für historische Aufführungspraxis der romantischen Klaviermusik gilt (besonders Brahms und seiner Zeitgenossen). Neal Peres da Costa ist Professor am Sydney Conservatorium of Music und hatte erst kürzlich sein erstes Buch im Rahmen seines PhD mit dem Titel “Off the Record: Performing Practices in Romantic Piano Playing” veröffentlicht. Im Rahmen des Kurses stellte er das Buch und die Thematik vor.

Professor
Dinner mit Freunden und meinem geschätzten Gastprofessor Neal Peres da Costa

Ich hatte zu dieser Zeit die 7 Brahms Fantasien op.116 im Repertoire und arbeitete drei Tage intensiv mit Peres da Costa an diesen Klavierstücken. Besondere Beachtung schenkte er der historischen Aufführungspraxis, musikalischen Ausdrucksmitteln und Interpretationsfragen. Ab diesem Moment hatte ich – vorerst noch unbewusst – Feuer gefangen, diese Flamme sollte in Zukunft jedoch kontinuierlich genährt werden.

Sydney Cons
Conservatorium of Music Sydney: Altbau, in dem die SängerInnen beheimatet sind und die Verbrugghen Hall, in der die großen Konzerte stattfinden. Der Neubau ist rechts im Schatten.

Auf Grund gegenseitiger Sympathie und der Tatsache, dass ich die Thematik mehr als spannend fand und die Freiheit dieses musikalischen Zugangs zur Musik sehr beflügelnd erlebte, kam mir plötzlich die Idee, ihn doch einfach zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, dieses gemeinsame Arbeiten und Forschen in Form eines Studentenaustausches am Conservatorium in Sydney fortzusetzen. Sein begeistertes “Of course! You HAVE to come!” war der Anfang meines Abenteuers.

Magdalena Radl
Wunderschönes Plätzchen in Manly

Vorbereitung

Der Anmeldeprozess war langwierig und beinhaltete viele bürokratische, zeitaufwendige Erledigungen, Amtswege und viel E-Mail-Verkehr. Es gibt mehrere Förderungsprogramme für Auslandsaufenthalte außerhalb Europas, meines hieß Jointstudies. Bojana Tesan vom Büro für Internationale Beziehungen der mdw war mir in diesem Prozess eine große Hilfe.

An welche Schritte ich mich noch erinnern kann?

  • Ausfüllen von diversen Formularen;
  • Ansuchen für ein Stipendium (www.stipendium.at, www.grants.at) – Bezieht man so wie ich Studienbeihilfe, schließt den Bachelor mit guten Noten ab und wählt seinen Auslandsaufenthalt zu einem günstigen Zeitpunkt im Studium, wird das Stipendium gern bewilligt;
  • Nachweis der Sprachkenntnis in der Fremdsprache (in meinem Fall wäre dies der TOEFL-Test (Test of English as a Foreign Language) gewesen: finanziell ist dieser nicht ganz billig, man muss mit ungefähr 200 Euro rechnen;
  • Um Visum ansuchen, Flug buchen etc. – ergibt sich wohl von selbst 🙂

Der Sprachentest fiel bei mir weg, da ich bereits mit meinem Lehrer in Sydney auf Englisch kommuniziert und er veranlasst hatte, dass ich ohne ein Zertifikat aufgenommen werden könnte.

Universität
Der Eingangsbereich des Sydney Cons mit Blick auf das 2. Level mit den Übezimmern, 1. Level mit den Unterrichtsräumen, Erdgeschoß mit den Recital Halls, dem Music Workshop und dem Early Music Studio;

Das wichtigste und schwerwiegendste Kriterium ist sicher das Auditiontape (meist in Videoformat – bei manchen Universitäten auch eine Audioaufnahme), auf dem du zeigst, wo deine musikalischen Stärken liegen und warum gerade Du als exchange student ausgewählt und aufgenommen werden solltest (auch dieser Punkt fiel bei mir weg, da Peres da Costa bereits musikalisch mit mir gearbeitet und mir schon einen Platz bewilligt hatte).

Das Learning Agreement habe ich – rückblickend betrachtet – eventuell zu unreflektiert erledigt. Als AuslandsstudentIn darf man sich am Sydney Con für Fächer in einem Umfang von mindesten 18 und maximal 24 ECTS-Punkten anmelden. Nur mit 24 ECTS-Punkten gilt man als “Fulltime Student” und hat Anspruch auf die Concession Card für die öffentlichen Verkehrsmittel in Sydney (minus 50%).

Sydney
Rückseite des Conservatorium mit der Skyline des Central Business District

Im Faculty Handbook des Sydney Conservatorium of Music findet man alle wichtigen Informationen bezüglich Studienzweige, Fächer, deren Inhalt und ob diese auch AuslandsstudentInnen zugänglich sind. Es lohnt sich auf alle Fälle, im Vorhinein viel in den Fächern zu stöbern und gut zu überlegen, womit diese an der Heimuniversität übereinstimmen und wofür man sie sich anrechnen lassen könnte. Hierfür ist eine genaue Kenntnis des geforderten Studienplans an der Heimatuniversität nötig.

Wobei ich anmerken muss, dass der Prozess des Anrechnens nach meiner Rückkehr reibungslos über die Bühne ging. Zuvor hatte ich diesbezüglich ein wenig Bauchweh gehabt, da ich mir einige Fächer, die ich in meinem Learning Agreement nur als Wahlfächer angegeben hatte, nun gesammelt als Modul anrechnen lassen wollte. Es gab jedoch keine Schwierigkeiten, da die Übereinstimmung der Lehrinhalte klar gegeben war.

Am Meer
Watsons Bay an einem sonnigen Wintertag

Warum ein ganzes Jahr?

Die Entscheidung, ein ganzes Jahr zu gehen, war schnell gefällt. Ich kann dies nur jedem (Single ;)) wärmstens empfehlen. Ein Semester, sprich vier Monate, sind so schnell um. Ehe du dich eingelebt und ein soziales Netzwerk aufgebaut hast, dich im Alltag an der Uni und in der Stadt einigermaßen zurechtfindest (vor allem im Online-Dschungel der Universität, der überall völlig anders funktioniert, aber überall gleich verwirrend ist), heißt es auch schon wieder “Goodbye”.

Ich war sehr froh, im Gegensatz zu vielen anderen International Students länger bleiben zu können. In den langen Sommerferien (Dez, Jan, Feb) reiste ich viel und ausgiebig und im darauffolgenden, zweiten Semester fühlte ich mich bereits heimisch und wusste diesen Vorteil auch zu nutzen.

Studenten
Konzert mit Freunden im Music Workshop

International students vs. locals

Anfangs hatte ich noch viel Kontakt zu internationalen StudentInnen der Sydney University und habe Dank Facebook-Gruppen an genialen Unternehmungen teilgenommen, wie zB Weinverkostungen im Hunter Valley, Wanderwochenende in den Blue Mountains, Frühstück mit Koalas, Weekends-away mit dem Sailing& Surfclub der Uni usw). Doch nach einiger Zeit habe ich verstärkt Anschluss an meinem Conservatorium gesucht und mehr Zeit mit “locals” verbracht. Das Conservatorium liegt nämlich nicht am Sydney University Main Campus, obwohl es Teil derselben ist, weshalb ich vielen der International Students nie oder nur selten über den Weg lief.

Diese “locals” waren MusikstudentInnen mit denselben Interessen und derselben Leidenschaft. Leute, die mir Plätze zeigen konnten, welche Touristen nie oder nur selten zu Gesicht bekommen. Leute, die mir empfehlen konnten, was man isst und wo. Wo man entspannt, wo man fortgeht. Deshalb war es weniger schwerwiegend für mich, als viele meiner internationalen Freunde schließlich (nach viel zu kurzer Zeit!) wieder abreisten.

Public transport

Die öffentlichen Transportmittel sind erstens lange nicht so zahlreich und effizient wie in Wien und zweitens um ein Vielfaches teurer (vor allem wenn man keinen Anspruch auf die Concession Card hat). Es gibt keine U-Bahn – die Züge sind im Allgemeinen recht okay, aber fallen an vielen, vielen Wochenenden wegen Bauarbeiten aus.

Skyline
Sydney Opera House mit dem Botanical Garden dahinter und dem Government House, Circular Quay rechts (Railway Station & Ferry Wharf) und Central Business District im Hintergrund

Dann gibt es hunderte Buslinien, die recht chaotisch und unregelmäßig fahren. Die Bushaltestationen haben keine Namen! Das heißt man ist auf die freundliche Hilfsbereitschaft des Busfahrers angewiesen oder man verlässt sich auf sein Bauchgefühl und steigt aus, wenn einem eben danach ist. Es gibt seit ca. zwei Jahren eine Tramline, was viele Sydney citizens noch nicht einmal wissen 😉 Eine zweite ist in Planung.

Ein Highlight sind natürlich die vielen Fähren, die vom Hafen der Innercity Circular Quay ablegen. Die Preise hierfür sind nicht billig, aber man wird reich mit dem Ausblick auf das Sydney Opera House und den vielen Bays und Beaches ringsherum belohnt.

Magdalena Radl am Klavier
Abschlussprüfung im Music Workshop, Auswahl von Brahms Intermezzos auf dem wunderbaren Streicher

Accommodation

Der durchschnittliche Mietpreis beträgt um die 200 – 300 Dollar pro Woche (kalt – die Australier kennen keine Heizung, im Winter kuschelt man sich in beheizte Matratzen). Viele exchange students buchen sich schon im Vorhinein eine student accomodation, die von der Universität angeboten wird. Davon kann ich nur abraten.

Natürlich kommt es darauf an, welche Erfahrung du machen möchtest und wie viel Geld du übrig hast 😉 Diese uni accomodations beinhalten jedoch einzig und allein ein kleines, sehr teures Zimmer und “bieten” meist non-stop Lärm im Flur, weil… nun ja, Partys ohne Ende. Das ist lustig, keine Frage. Aber ich persönlich brauche zumindest ab und zu Ruhe und einen Rückzugsort. Außerdem, so sagte man mir, musst du dich vertraglich für mindestens 6 Monate binden.

Surfen
Surf lesson am Weekend Away mit dem Windsurfing & Sailing Club der UNSW

Viele Studenten in Sydney bevorzugen “share housing”. Weil Mieten in Sydney überdurchschnittlich teuer sind, wohnen die meisten sowieso (viel zu) lange bei ihren Eltern oder mieten sich gemeinsam in einer kleineren oder größeren Gruppe ganze Häuser, siehe zB http://sharehousing.org.

Ich bin durch persönliche Kontakte (eine Freundin, die einmal in Sydney gelebt hatte) an ein nettes, älteres Ehepaar geraten, die öfters international students bei sich beherbergen. Das waren die nettesten, gastfreundlichsten Menschen und richtige Aussies noch dazu. Sie kommen mich diesen Winter 2015/16 – ein Jahr später – in Wien besuchen 🙂 Unser Deal lautete, dass ich bei ihnen bleiben durfte, bis ich eine langfristige Bleibe gefunden hatte.

Sydney Opera House
Das Sydney Opera House zur Zeit des Vivid Light-Festivals

Nach zwei Wochen war es so weit – ich hatte eine weitere Familie kennengelernt, deren zwei Töchter (ca. in meinem Alter) zurzeit in Europa studierten und deren Zimmer ich belegen durfte. Dieses Ehepaar, beide Architekten, waren ebenfalls sehr gastfreundlich und unser Zusammenleben für das restliche Jahr gestaltete sich so angenehm und einfach, dass ich im Nachhinein über diese geniale Fügung nur staunen kann. Dies war ebenfalls ein Grund, warum ich mich in Sydney von Anfang an wohlgefühlt hatte. In einem schönen Haus zu leben und den Alltag einer australischen Familie kennen zu lernen und mitzuerleben, war ein riesiger Pluspunkt meines Aufenthaltes und ersparte mir viel Energie und Sorge, die ich in das Studium investieren konnte.

“Austria? Sound of Music!”

Die Australier lieben Sound of Music, Wiener Schnitzel, Sound of Music, österreichisches und deutsches Bier, Sound of Music, Trachten und unsere Volksmusik, worüber ich in den Bavarian Beer Cafés immer wieder schmunzeln musste. Ach ja, und außerdem Sound of Music. Zusätzlich lieben sie Wien, die Weltmetropole der Musik. Ein ganzer Abend am Gelände des Sydney Opera House war Wien gewidmet (Visions of Vienna), mit Bildern, die auf die Segeldächer der Oper projiziert wurden und der musikalischen Darbietung des Sydney Symphony Orchestras mit Haydn, Strauss und Mozarts Klassikern ohne Ende.

Papagei
Rainbow Lorikeets – I much prefer those cute, colourful birdies over Vienna’s pigeons

Markets & Coffee

Es gibt unzählige tolle Wochenmärkte wie The Rocks Market für künstlerische, kreative Souvenirs und geniales Essen, Paddy’s Markets für… einfach ALLES, Glebe Markets für die abgedrehteste und kostengünstigste Secondhand-Fashion sowie brandneue Mode.

Weiters den berühmten Sydney Fishmarket in Pyrmont, wunderschöne, edle Shoppingmalls wie im Queen Victoria Building oder in der Pitt Street Mall und richtig viele, gemütliche, vegane, hippe Hipster-Cafés. Ich habe noch nie eine Kultur erlebt, die so verrückt nach Cafés ist. Wien ist ein Klacks dagegen.

Landschaft
Lookout point in den Blue Mountains in der Nähe von Katoomba

Churches & Christian Commitment

Wichtig war es für mich auch, mich in der christlichen Szene in Sydney zu engagieren. Sie besteht aus der EU (Evangelical Union, ein australienweites, christliches Studentennetzwerk) sowie der AFES (Australian Fellowship of Evangelical Students, international IFES, welche mit der österreichischen Studentenmission ÖSM in Wien eine Zweigstelle hat). Beide Organisationen veranstalten Einsätze, Events, Bibel- und Gebetskreise an jedem Unicampus sowie in den Sommerferien Beachmission-Einsätze an so ca. jedem denkbaren Strand in Australien.

Die anglikanischen Kirchen sind im Allgemeinen sehr lebendig, lebensnah, sozial engagiert und voll von warmherzigen, ehrlichen, hilfsbereiten Menschen. Ich habe außerdem einige Male die Hillsong Church besucht, eine Megachurch, die 1983 in Sydney gegründet wurde, mittlerweile weltweit einige Tochtergemeinden einschließt und heute allein in Australien um die 21.000 Mitglieder zählt, deren Band und Musik (Liedgut) auf der ganzen Welt bekannt sind. Ich war inspiriert von der so ganz anderen Art des Gottesdienstes, Kirchen und Gemeinde(er)lebens.



Soviel zur Vorbereitung und zum Leben in Sydney – wie aber gestaltete sich nun das Studium und der Ablauf an der Universität? Die Antwort findest du im 2. Teil meines Reiseberichts.

 

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