Aus Japan an die Donau

mdw-Absolventin Haruka Yano erzählt von ihrer Studienzeit in Wien

Schon als kleines Kind aus Osaka wollte ich eines Tages im Ausland leben, dort lernen und arbeiten. Den ersten Schritt dazu machte ich mit vier Jahren, als ich anfing, Klavier zu spielen. Nach dem Musikgymnasium ging ich auf die Geidai Universität (Tokyo University of the Arts), als ich eines Tages an einer Meisterklasse von Prof. Avedis Kouyoumdjian teilnahm.

Er kommt jedes Jahr im Herbst nach Japan und auf Empfehlung meiner damaligen Klavierlehrerin habe ich eine Stunde Unterricht bei ihm genommen. Da habe ich sofort gemerkt, dass ich bei ihm studieren möchte!

Haruka mit Professoren
Haruka mit Prof. Avedis Kouyoumdjian (links) und Prof. Michel Lethiec (rechts)

Eigentlich hatte ich mich bislang für New York als meine Studienstadt interessiert, aber ich war so beeindruckt von den Fähigkeiten und Ausführungen Herrn Kouyoumdjians, dass ich beschloss, mich an der mdw in Österreich zu bewerben, wo er als Professor unterrichtete.

Die Vorbereitungen

Als Erstes musste ich ein Visum beantragen – das ist zwar nicht sehr schwierig, aber ein etwas komplizierter Prozess. Man muss zum Beispiel Ämter in Japan und die japanische Botschaft in Wien besuchen. Zum Glück gab es bereits vor mir Studierende, die von der Geidai an die mdw gegangen sind, somit musste ich nicht komplett alles selbst herausfinden, da schon ein Kontakt zwischen den Universitäten bestand. Als ich in Österreich ankam, stellte mir Herr Kouyoumdjian eine ältere japanische Studienkollegin vor, die mir sehr geholfen hat. So konnte ich leicht eine Wohnung finden und einen Deutschkurs besuchen.

An meiner Uni in Japan hatte ich Deutsch als 2. Fremdsprache studiert, daher hatte ich bereits Grundkenntnisse. Und da ich schon Englisch konnte, war es nicht sehr schwer zu lernen. Die beiden Sprachen ähneln sich untereinander viel mehr als im Vergleich zu Japanisch. Aber was mir zu schaffen machte, war der österreichische Dialekt: In der Sprachschule sprechen alle schönes Hochdeutsch, aber im Geschäft oder auf der Straße ist das leider nicht immer so einfach zu verstehen.

Deutschkurs
Haruka (1. Reihe, 2. von links) bei ihrem ersten Deutschkurs im März 2007

Private Kontakte helfen auf jeden Fall bei der Bewerbung und der Bürokratie, meine Heimatuniversität in Japan konnte mir hier sehr helfen. Bei den Kunstuniversitäten gibt es in Japan neben der Geidai noch die Toho Gakuen School of Music, von der regelmäßig Studierende nach Europa kommen. Die eigenen ProfessorInnen sind wohl die beste Anlaufstelle für den ersten Kontakt.

Die Umstellung auf das österreichische Leben

Das Studium in Wien war mein erster langer Aufenthalt im Ausland. Heimweh hatte ich aber nicht, da ich schon als Kind eines Tages gern im Ausland leben wollte. Was mir am schwersten gefallen ist, war die Dunkelheit im Winter – das kenne ich aus Japan nicht. In Österreich kann es zwischen November und März schon sehr dunkel werden mit nur einigen Stunden Sonnenlicht am Tag. Heuer war der Winter in Österreich sehr hell, fast so wie in Japan. Aber 2013 zum Beispiel gab es hier in Österreich sehr viel Schnee und dunkel war es auch.

Außerdem musste ich mich erst daran gewöhnen, dass die österreichischen Supermärkte Samstag abends und den ganzen Sonntag geschlossen sind!

Die Offenheit und Gemütlichkeit der Wiener

Die Menschen in Wien sind auch sehr offen für alles. Es ist ein bisschen wie in meiner Heimatstadt Kobe (in der Nähe von Osaka) im Vergleich zu Tokio: Die Menschen in Osaka sind sehr “open-minded”, in Tokio kommen sie mir eher verschlossen vor, als gäbe es nur die Stadt. In Wien sind die Menschen auch eher offen, daher fühle ich mich hier sehr wohl.

Michaelplatz
Haruka am Michaelerplatz im 1. Wiener Bezirk, ©Yuki Nambu

Das Leben in Wien ist sehr gemütlich und auch ein bisschen langsamer als in Japan. Zum Beispiel habe ich in meinem ersten Monat in Wien Internet bestellt. Man sagte mir, jemand kommt zwischen sieben und zwölf Uhr am Vormittag. Das kenne ich in Japan nicht: Dort bekommt man einen genauen Termin und die Leute kommen auch pünktlich. Das Gleiche gilt für die Post in Österreich.

Ein typischer Studientag an der mdw

Den typischen Studientag gibt es leider nicht – es hängt davon ab, welche Kurse ich an dem Tag besuche, ob ich ein Konzert besuche oder selbst eines spiele. Meistens bin ich während des Studiums um 7.30 Uhr aufgestanden, ab 9 Uhr habe ich am Klavier geübt und dann zu Mittag gegessen. Der Nachmittag war immer anders, je nachdem welche Vorlesungen ich an dem Tag hatte. Abends habe ich sehr oft Konzerte besucht oder spielte selbst Klassenabende.

Am Anfang war ich noch sehr nervös, wenn ich selbst gespielt habe, weil es in Japan nicht sehr viele Klassenabende gibt. Das ist in Wien anders: Hier finden viele Klassenabende statt, oft sogar mehrere in einer Woche! Das ist für Studierende natürlich sehr gut (und für das Publikum auch 🙂

Hauskonzert
Haruka bei einem Hauskonzert im 13. Wiener Bezirk, Januar 2016 ©Lee Young Kim

In manchen Monaten, zum Beispiel kurz vor der Diplomprüfung, habe ich sehr oft gespielt, ich glaube zehn Mal im Monat. Aber mindestens zwei bis drei Mal monatlich ist es schon. Beim Üben am Klavier ist es ähnlich – wenn ich viele Vorlesungen habe, übe ich nur wenige Stunden am Tag. Am Wochenende habe ich meistens genug Zeit und kann mehrere Stunden am Vormittag, Nachmittag und am Abend üben. Zum Glück habe ich einen Flügel in meiner Wohnung, daher muss ich zum Üben nicht extra an die Universität kommen.

Freizeit & Freunde in Wien

Das Freizeitangebot in Wien ist toll – es gibt sehr viele Konzertsäle, Theater und Museen. Ich fahre auch gern mit dem Bus 38A nach Grinzing und spaziere auf den Kahlenberg. Von dort kann man fast die ganze Stadt sehen.

Meine Freizeit verbringe ich zwar gern mit meinen Freunden, aber leider üben auch sie sehr viel mit ihren Instrumenten. Letztes Semester haben wir es nur zwei oder drei Mal geschafft, etwas zu unternehmen, aber es hat trotzdem großen Spaß gemacht!

Haruka Yano Portrait
Portrait 2015, ©Yuki Nambu

Fast alle japanischen Freunde in Österreich kenne ich aus der mdw oder aus dem Konservatorium. Eine meiner besten und wichtigsten Freundinnen, die dort absolvierte, war meine Kollegin im Musikgymnasium meiner Heimstadt Kobe. Wir sind zufällig gleichzeitig nach Wien gekommen und haben in den ersten 3 bis 4 Jahren (bis sie nach Japan zurückgekehrt ist) sehr viel gemeinsam gemacht: gemeinsam gekocht, im Deutschkurs gemeinsam gelernt, Reisen außerhalb Österreichs unternommen… Es war für mich ein sehr großes Glück, dass ich seit Anfang so eine gute Freundin hatte und wir auch alles in unserer Muttersprache besprechen konnten!

Seit kurzem habe ich auch einige Leute aus der UNO kennen gelernt, als ich dort ein Klavier Recital für einen japanischen Arbeitskreis gespielt habe. Sie sind aber älter als ich und bleiben meist nur zwei bis drei Jahre in Österreich. Dennoch freue ich mich sehr und ich finde es sehr schön, dass ich mit einem Konzert Musik vermitteln, dabei manchmal neue Leute kennen lernen und sogar gute Freunde finden kann!

Im Studium an der mdw habe ich als Pflichtfach den Schwerpunkt Popularmusik gewählt, da ich bereits in Japan in einer eigenen Pop Band zusammen mit Freunden spielte. In dieser Band war ein alter Freund von mir aus Tokio – durch ihn habe ich eine meiner besten Freundinnen kennen gelernt.

In seiner Zeit in New York hat er sie dort als Austauschstudentin aus Wien getroffen. Sie haben sich angefreundet und als sie wieder zurückkam, hat er mir empfohlen, mich mit ihr zu treffen. Wir haben uns gleich gut verstanden und sind mittlerweile gute Freundinnen geworden 🙂

Trio Prisma
“Mit meinem Trio Prisma konnte ich einen Traum erfüllen – im Musikverein aufzutreten!” ©Michael Günther

Es gibt immer wieder interessante Bekanntschaften: Als ich vor Jahren bei einem Wettbewerb in Rom mitgemacht habe, traf ich im Bus in Italien ein österreichisches Mädchen. Wir waren auf der Fahrt von Rom zum Flughafen. Während der Fahrt haben wir uns gut unterhalten und ich habe sie auch hinterher noch getroffen.

Weil man nie weiß, was passiert, möchte ich mich auch noch nicht festlegen, ob ich in Österreich bleiben werde. Derzeit gefällt es mir immer noch sehr gut, aber wichtiger als der Ort ist für mich die Art, wie ich lebe! 🙂

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