Aus Grüezi wird Servus

…und aus einem Gastsemester zwei

Ich heisse Katharina und komme aus Luzern, wo ich normalerweise an der Hochschule Luzern Musik studiere. Luzern liegt mitten in der Innerschweiz, am Ufer eines schönen Sees, ein Fluss fliesst aus dem See hinaus und das alles wird gut behütet von einer veritablen Schweizer Alpen-Skyline. Dort studiere ich Musiktheorie im Master; meinen Bachelor habe ich in klassischem Klavier abgeschlossen.

So schön dieses Städtchen ist: Vor einem Jahr wurde es Zeit für einen Umgebungswechsel. Ich beschloss also, mich für ein Erasmus-Semester zu bewerben. Dass das überhaupt möglich war, ist keine Selbstverständlichkeit. Seit die Schweizer (beziehungsweise 50,3% von ihnen) vor zwei Jahren “Ja!” gesagt haben zur sogenannten “Masseneinwanderungsinitiative”, werden, nebst vielen anderen Bereichen in der Bildungs- und Berufswelt, auch die universitären Austauschprogramme in Frage gestellt.

Umso glücklicher war ich, als dann im April 2015 der Bescheid kam, dass ich in Wien einen Platz in der Musiktheorie-Klasse von Professorin Gesine Schröder erhalten würde. Der Musiktheorie-Studiengang in Luzern ist klein aber fein, man kennt alle Professoren, mit den meisten ist man per Du und die Kommilitonen – also, ich habe in Luzern einen einzigen Kommilitonen. Liebe Grüsse, Peter!

Donaukanal
Der herbstliche Donaukanal kurz nach meiner Ankunft in Wien

Aus fünf werden zehn

In Wien stellte ich dann fest, dass die Musiktheorieklasse auch hier klein und fein ist. Inzwischen gehe ich davon aus, dass die Studierendenzahl also eher am Fach als an der Uni liegt – wobei für mich das Fach natürlich hoch interessant ist!

Um es gleich vorneweg zu nehmen: Ursprünglich hatte ich geplant, nur ein Semester in Wien zu verbringen. Aber schon Mitte Oktober wurde es unvorstellbar, die Donaustadt schon nach fünf Monaten wieder zu verlassen und so verlängerte ich meinen Aufenthalt um ein weiteres Semester bis im Sommer 2016. Wenn ich nun versuche, einige meiner Erfahrungen auf diesem Blog zu teilen und die geneigten Leser mit Tipps und Tricks zu versorgen, sei also betont: Ich bin hell begeistert von diesem Wien!

Das Studium im Allgemeinen

Im Kern unterscheiden sich die musiktheoretischen Fächer nicht wesentlich von jenen Kursen, die ich in Luzern besuche: Nebst Theorieunterricht in der Gruppe und im Einzelunterricht stehen Gehörbildung, Analyse, Instrumentation und geschichtliche Fächer auf dem Stundenplan.

Der größte Unterschied besteht wohl darin, dass der Master in Luzern einen starken pädagogischen Akzent aufweist, während in Wien Methodik und Fachdidaktik nicht im Curriculum enthalten sind. Damit ich meine Studien in Luzern nahtlos fortsetzen kann, lese ich also zusätzlich die betreffende Literatur und hospitiere im Frühlingssemester in einigen Theoriekursen für Instrumentalisten.

Das Semester im Detail

Professor Schröder hat im Rahmen eines Gender Calls der mdw ein Forschungsprojekt zu Grete Trakl lanciert. Die jüngere Schwester des berühmten Dichters Georg Trakl war Pianistin und ihr Leben ist bis heute kaum erforscht. Da sie außer in Wien auch in Berlin studierte, konnte Professor Schröder die dortige Musiktheorie-Klasse und Professor Ariane Jeßulat ebenfalls für das Projekt begeistern und so standen wir das ganze Semester in regem Austausch mit der UdK in Berlin.

Zunächst haben wir die Berliner im Dezember besucht, Anfang Januar reisten wir dann zusammen nach Basel, um in der Paul-Sacher-Stiftung zu forschen. Dieses Forschungsprojekt war und ist wohl eines der inhaltlichen Highlights meines Aufenthalts in Wien: Das Thema fesselte mich vom ersten Moment an und durch die Verbindung mit Berlin vergrößerte sich der Radius meines Erasmus-Jahrs noch zusätzlich.

Berlin
Die Wiener und die Berliner Musiktheorieklasse beim Entwickeln des Forschungsprojekts zu Kaffee und Kuchen

Eine weitere spannende Gelegenheit bot sich im Januar: Es fand an der mdw ein Symposium zum Thema “China seit 1949 in Komposition und Musikschrifttum” statt. Zu den Gästen gehörten Musiktheoretiker und Studierende aus Peking, Shanghai und Hongkong. Professor Schröder hat uns jeweils eine Vortragseinheit vorsitzen und moderieren lassen. Das war sowohl inhaltlich als auch persönlich eine bereichernde Erfahrung.

China
Die Gäste aus China und an der mdw nach zwei schönen Symposiums-Tagen

Nebst all diesen musiktheoretischen Inputs finden an der mdw auch sonst zahlreiche, sehr interessante Veranstaltungen statt, die zu besuchen sich sehr lohnt. Klassenabende der Kompositionsklassen, öffentliche Workshops oder Meisterkurse, Symposien und Vorträge sind fast immer einen Besuch wert!

Vorbereitung und Bewerbung

Bevor ich mich offiziell auf den Studienplatz in Wien beworben hatte, nahm ich Kontakt mit Professor Schröder auf. Ich kannte sie von den GMTH-Jahreskongressen – sie ist im Moment die Präsidentin dieser Gesellschaft für Musiktheorie. Wenn die Möglichkeit besteht, sich im Vorfeld mit den Professoren über Dinge zu Unterhalten wie beispielsweise den Inhalt des Bewerbungsdossiers oder Fragen zum Curriculum, ist das sicherlich hilfreich.

Auf der mdw erfolgt die Bewerbung als Incoming-Student online. Das ist ein sehr gutes System; nach und nach können alle erforderlichen Dokumente auf den Server geladen werden, man wird Schritt für Schritt durch die Bewerbung geführt und so vergisst man nichts.

Organisieren vor Ort

Einmal in Wien angekommen, muss man sich für die Kurse inskribieren. Das erfordert etwas Geduld: Für die zentralen künstlerischen Fächer, die ZkFs, muss man sich persönlich auf dem Sekretariat am Anton-von-Webern-Platz anmelden. Das braucht Zeit! Es wird eine Nummer gezogen, wie auf dem Postamt, und man stellt sich in die Schlange im Gang. Die Wartezeit ist eigentlich ganz nett; man kommt rasch mit Kommilitonen und Kommilitoninnen ins Gespräch und die Mensa ist auch nicht weit.

Auf dem Sekretariat erhält man dann die Studierendenkarte und einen Einzahlungsschein. Erst, wenn diese Überweisung erfolgt ist, kann man sich online mit einem Passwort einloggen, und sich für die restlichen Fächer einschreiben. Auch das ist zunächst eine Geduldsübung; Musiktheoriestudierende schreiben sich für verschiedene Seminare an verschiedenen Instituten ein. Wenn man die Orientierung einmal gefunden hat, geht es aber relativ schnell.

Die letzte kleine Hürde besteht darin, dass nicht in allen Kursbeschreibungen bereits Datum und Ort der Kurse enthalten sind. Hier ist es am einfachsten, die betreffenden Dozierenden einfach per Mail zu kontaktieren.

Üben will gelernt sein

Wichtig für Musikstudierende ist immer auch die Frage nach dem Üben: Erstaunlicherweise sind die Öffnungszeiten der mdw-Standorte knapper bemessen als in Luzern! An Sonntagen sind sämtliche Gebäude bis auf die Seilerstätte geschlossen, was etwas irritieren mag, zieht man in Anbetracht, dass der freie Sonntag eigentlich der perfekte Tag zum Üben ist. Auch in der unterrichtsfreien Zeit haben die Gebäude merkwürdige Öffnungszeiten, die sich kaum jemand merken kann – am besten, man hält sich über die Homepage up to date und/oder hält Ausschau nach Aushängen und Informationszetteln.

Will man nun unter der Woche während des Semesters üben, muss man jeweils beim Portier vorbei. Von diesem bekommt man – mit etwas Glück – einen Schlüssel zu einem Zimmer, und im Gegenzug lässt man seinen Studierendenausweis dort. Oft sind alle Zimmer besetzt, und Reservationen sind nicht möglich; und leider sind die Portiers – mit einigen erfreulichen Ausnahmen! – auch nicht sehr gesprächig, wenn es darum geht, Informationen zu erhalten, wann wieder ein Zimmer frei werden könnte und so weiter.

Die Bibliothek

Zu guter Letzt will ich der Bibliothek der mdw ein Kränzchen binden: Sie ist wirklich toll! Fast alle Bücher sind frei zugänglich, die Mitarbeitenden sind sehr hilfsbereit und kennen sich sehr gut aus in ihrem Metier. Wenn man nach etwas sucht, setzten sie alles daran, dass der betreffende Text gefunden wird – das sind manchmal richtige Detektiv-Aufgaben! Zudem lese und lerne ich sehr gerne dort; im Erdgeschoss der Lothringerstrasse befindet sich das Restaurant des Akademie-Theaters, wo man in einer Pause auf eine Mélange und eine Tageszeitung vorbeigehen kann.

Prater
Der wunderschöne Ausblick über den ersten Bezirk vom Riesenrad im Prater – wer findet den Stephansdom?

Jetzt bin ich im ersten Café angelangt – ihnen sei der zweite Teil dieses Blogs gewidmet. Ihnen und den zahllosen Konzertstätten, Theaterbühnen und Spazierwegen, also dem Alltag in Wien zwischen Lieblingscafés und Lieblingspärken.

 

Teil 2 – der Alltag in Wien – folgt in Kürze!

2 thoughts on “Aus Grüezi wird Servus”

  1. Katharina Thalmanns Bericht vermittelt einen sehr guten Einblick in die Studienbetrieb in Wien. Ausgezeichnet geschrieben.

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