Über dem großen Teich

Meisterklassen an den US-Musikuniversitäten Eastman und Yale

Mein Name ist Peter Schuhmayer und ich unterrichte am Joseph Haydn Institut für Kammermusik der mdw seit 1996 Violine und Kammermusik. Obwohl ich als erster Geiger im Artis-Quartett seit 1980 Reisen in die USA gewohnt bin, war diese Reise im Februar 2016 für mich etwas Besonderes.

Eastman School of Music
Eastman School of Music

Am Beginn einer Kooperation der Eastman School of Music / University of Rochester mit unserer mdw stehend, hieß es, den ersten Kontakt in der Praxis herzustellen. Genauso wie der mdw eilt auch der Eastman School der Ruf voraus, eine der führenden Institutionen auf ihrem Gebiet zu sein und die Erwartungshaltung meinerseits war natürlich groß.

Der Eastman-Bonus im Flugzeug

Nach meiner Anreise über den zweiten großen Flughafen in New York, Newark, brachte mich eine eher klein bemessene 2-Propeller-Maschine  mit ca. 40 Passagieren nach Rochester. Meine Bedenken, beim Mitführen meines Geigenkastens in der Kabine Schwierigkeiten zu bekommen, erwiesen sich als unbegründet: Wie mir später die Kollegen in Eastman berichteten, ist man bei United auf dieser Strecke schon gewohnt, Musiker mit ihren eher unhandlichen Instrumentenkästen zu transportieren.

Ankunft an der Eastman School of Music

Am nächsten Tag betrat ich erwartungsfroh die Lobby der Eastman School of Music und wurde vom Vice Dean for External Affairs , John Hain, begrüßt und willkommen geheißen. Es folgte eine kurze Tour durch das Gebäude und eine Besichtigung der drei hauptsächlich in Verwendung stehenden Säle. Der größte davon, die Kodak Hall at Eastman Theatre, bietet über 3.000 Zuhörern Platz und ist durchaus eindrucksvoll zu nennen. Es ist der Sitz des Rochester Philharmonic Orchestra, das sich dort eingemietet hat, um die bestverfügbare Akustik der Stadt zu nutzen.

Kodak Hall at Eastman Center
Kodak Hall at Eastman Center

Der Saal sowie die Schule wurden von George Eastman, dem Begründer der Firma Kodak, 1921 gestiftet. Zusammen mit der Firma Xerox war er für die Entwicklung der Stadt und der Universität, die 1850 gegründet wurde, hauptverantwortlich. Die Kilbourn Hall mit 455 Sitzen und die moderne Hatch Hall, die mit allen technischen Raffinessen ausgestattet ist, gehören zu den wichtigsten Auftrittsmöglichkeiten für Studenten und gastierende Musiker. Die Eastman School beherbergt außerdem die größte Universitätsbibliothek Nordamerikas.

Es gibt natürlich auch andere kleinere Räume und Säle, die den Anforderungen entsprechend genutzt werden.

Masterclasses mit Eastman-Studierenden

Nachdem anfänglich die Zeit zum Kennenlernen genützt wurde – es gab Lunch und Dinner mit dem Dean, Jamal Rossi, dem Vice Dean und dem Leiter und der Faculty der Streicherabteilung – begann sich in den folgenden Tagen meine Unterrichtstätigkeit und der Kontakt zu den Studenten zu intensivieren. Es standen eine Masterclass für Violine, eine Masterclass für Kammermusik und  viele Violinstunden und Kammermusikchoachings auf dem Programm. Viele Studenten nützten die Möglichkeit, sich in der ausgehängten Liste einzutragen, um die Möglichkeit zu bekommen, mit dem Gast aus Wien zu arbeiten.

Es war für mich eine sehr intensive Zeit, in der ich mit Studenten aus verschiedenen Levels arbeitete. Sowohl undergraduate, graduate, aber auch DMA StudentInnen präsentierten ihr Können auf unterschiedlichem Niveau. Man kocht wie bei uns mit Wasser, es kommt wohl auf die Würze danach an.

Davon, wie in Eastman unterricht wird, kann man sich Ende Mai bei uns überzeugen, wenn Frau Prof. Rene Jolles (Violine) an der mdw einen Gegenbesuch absolviert und unterrichtet.

Ohne Geld ka Musi…

Im Vergleich mit vielen Universitäten in Europa, steht am Beginn einer Überlegung, in den USA zu studieren, natürlich die Finanzierungsfrage. Es herrscht ein harter Wettbewerb zwischen den Universitäten und die Institute, die die meisten Vollstipendien anbieten, sind naturgemäß im Vorteil, auch die besten Studenten anzuziehen.

Für mich ist ein wesentlicher Unterschied zu europäischen Schulen, dass die Universitäten in vielen Fällen einer Insel gleichen, die in einem manchmal fast trostlosen städtischen Umfeld den Bezug zur Internationalität bewahren. Solche Gegebenheiten erleichtern zwar die Fokussierung auf das Studium, können manchmal  aber auch etwas deprimierend wirken. Ein Studienaufenthalt, auch temporär, ist wohl eher in Städten wie New York, Boston oder Chicago zu empfehlen, es sei denn, der Wunschlehrer ist dort nicht verfügbar.

Der Besuch der Niagara Falls am Ende meines Rochester-Aufenthalts schien verlockend, der Aufwand (2 1/2 Stunden Anreise mit dem Bus) war mir dann aber schließlich doch zu groß.

Besuch (bei) der alten Dame

Um nach New Haven zu gelangen, schien mir ein Mietauto die angenehmste Art des Reisens zu sein. Ich fuhr in entspanntem Tempo (Tempolimit 65 mph = ca. 105 km/h) und mit einem Zwischenstopp, um in einer Shopping Mall Bestellungen meiner Töchter zu besorgen, in Richtung New York/Boston und erreichte nach einer reinen  Fahrzeit von 5 1/2 Stunden mein Ziel. Die ehrwürdige Dame Yale, die schon unzähligen Generationen als Born des Wissens gedient hat, präsentierte sich in guter Laune und gewährte mir noch einige Sonnenstrahlen.

Yale School of Music
Yale University

Ich nutzte in den kommenden Tagen neben Masterclasses für Violine und Kammermusik den Aufenthalt auch, um Freunde zu treffen, mit denen die Bekanntschaft entweder durch gemeinsames Musizieren bzw. den regelmäßigen Aufenthalt unseres Artis-Quartetts beim Norfolk Festival der Yale School of Music entstanden war.

Im Vergleich zu Eastman und schon gar unserer mdw ist die Yale School of Music ein kleines Institut, das, mit ausreichenden Möglichkeiten eines Vollstipendiums ausgestattet, immer wieder sehr gute StudentInnen anlockt.

Leider brach sich Syoko Aki, die in Yale schon seit mehreren Jahrzehnten Violine unterrichtet, am Tag meiner Ankunft den Knöchel (ich hatte damit aber nichts zu tun!) und ich vertrat sie bei ihrer Studioclass am folgenden Tag. Obwohl ich davor nur vielleicht zehn Minuten in der Lobby saß, traf ich mehrere StudentInnen und Lehrer, die ich kannte, ein Zeichen der familiären Atmosphäre und  Überschaubarkeit der Schule.

Yale School of Music
Yale School of Music

Es gibt in der Yale School of Music keine Bachelors, sondern nur graduates (Masters). Danach kann man sein PhD oder DMA machen, wenn man einen der begehrten Plätze bekommt.

Auch die School of Music hat wie die mdw ein großes Bauprojekt laufen. Um 60 Millionen Dollar wird ein neues Gebäude errichtet, das hauptsächlich einen technisch hochgerüsteten Orchestersaal und viele Überäume enthalten wird:

Der Bau des neuen Orchestersaals und Überäume in Yale
Der Bau des neuen Orchestersaals und Überäume in Yale

Selbst in Yale ist man auf dem großartigen Campus nur einige Blocks von der Realität des amerikanischen Alltags entfernt, es gibt aber in unmittelbarer Nähe viele kleine Lokale, die sich in der Hauptsache auf die Versorgung der Yalees und deren Angehöriger eingerichtet haben.

Nach einigen frühlingshaften Tagen neigt sich nun mein Aufenthalt dem Ende zu und ich freue mich schon wieder auf die Arbeit mit unseren StudentInnen in Wien!

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