Rhythmik für Flüchtlinge

Projekte & Performances mit Musik & Bewegung

In unserer Studienrichtung Musik- und Bewegungspädagogik (MBP) / Rhythmik gab es im Wintersemester 2015/16 einige Aktionen, die teilweise im Sommersemester 2016 fortgesetzt werden. Dabei arbeiteten Studierende und Lehrende der Musikpädagogik mit Flüchtlingen, was eine Reihe wertvoller Begegnungen und Erfahrungen ermöglichte.

Pilotprojekt “Musik und Bewegung / Rhythmik im Familienraum am Wiener Westbahnhof”

Am 17. November 2015 besuchten die Studierenden des Masterjahrganges MBP Rhythmik zusammen mit meiner Kollegin Doris Lücking und mir den Familienraum am Westbahnhof in Wien.

Dieser entstand vor rund neun Wochen als Privatinitiative zweier Studierender. Der Anblick von Frauen und Kindern, die im Westbahnhofgelände auf den Boden sitzend auf ihr weiteres Schicksal warteten, veranlasste sie, in einer Ecke Leintücher für die Familien auszubreiten.  Die ÖBB entschloß sich, diese Initiative zu unterstützen und stellte die Lounge als Familienraum zur Verfügung. Jetzt ist dieser Raum teilweise mit Matratzen ausgestattet, im restlichen Bereich befinden sich Tische und Stühle. Der Raum steht täglich von 10.00 bis 19.00 Uhr zur Verfügung.

Die Flüchtlings-Familien, die dort hinkommen, können sich ausruhen, essen und warten. Für die Kinder gibt es Spielsachen und Stofftiere. Keiner dieser Menschen ist am nächsten Tag wieder anzutreffen, alle ziehen weiter: nach Deutschland, in ein Flüchtlingsheim in Wien oder anderswo in Österreich oder in ein weiteres Land.

Die BetreuerInnen sind nach wie vor privat organisiert und kümmern sich seit über zwei Monaten ehrenamtlich um diese Menschen. Manchmal sind sehr viele Flüchtlingsfamilien da, manchmal auch nur wenige. Mitunter wechselt die Anzahl enorm innerhalb eines Tages.

Nonverbale Kommunikation durch Musik

Als wir dort vormittags um 10.30 Uhr ankamen, war der Raum halb gefüllt. Die Studierenden packten ihre Instrumente aus, erfanden schnell ein Begrüßungslied und sangen und spielten es vor. Sobald die Musik erklang, kamen die Kinder zurückhaltend, aber doch neugierig zu uns. Wir boten ihnen an mitzuspielen, ein paar Rasseln und Handtrommeln wurden verteilt und mit den Händen zur Musik geklatscht. Die Kommunikation zwischen den Studierenden und den Kindern erfolgte über Gesten. Alle Spielregeln wurden nonverbal vermittelt.

Familienraum
MBP / Rhythmik-Studierende mit Flüchtlingskindern im Familienraum am Wiener Westbahnhof

Anschließend sang uns ein Mädchen leise etwas vor. Erst nach und nach verstanden wir, dass sie aus dem Disneyfilm “Die Eiskönigin” vorsang. Wir erkannten es an der Liedstelle “Let it go”…!

Danach folgten weitere Aktivierungsangebote aus der MBP Rhythmik, die die Kinder begeistert mitmachten. Damit ermöglichten wir ihnen einerseits positive Erfahrungen im Bereich Kommunikation, Interaktion, Kreativität und Selbstwirksamkeit, um ein Gegenewicht zu den traumatisierenden Erfahrungen zu schaffen. Die Kinder wurden durch das Schaffen eines kulturellen Begegnungsraums ermutigt, sich selbst kommunikativ und kreativ einzubringen. Andererseits konnten wir ihnen helfen, die Wartezeit auf die Weiterreise sinnvoll zu überbrücken, was durchwegs dankbar aufgenommen wurde.

Erkenntnisse der Begegnung

Die Studierenden Anna Dirnberger, Lisa Erber, Manuela Mayer und Georg Wagner schrieben über diese Aktion ein Protokoll mit Reflexionen, die Nachbesprechung erfolgte im Unterricht. Hier sind einigee Auszüge aus den Protokollen:

 

Anna Dirnberger: “Musik verbindet. Das wurde einmal mehr deutlich.”

Ich finde es schön, wie sehr es uns gelang, spontan auf die Gruppe einzugehen, ihre Ideen aufzugreifen und in den Prozess einzubinden. Alles in allem lässt sich ein roter Faden, nämlich das Lied in Variationen, und auch schöne Phasenwechsel während der Stunde nachverfolgen.

Einmal mehr wurde ich überzeugt, dass es oft nur einfacher Mittel bedarf, um in ein gemeinsames, freudvolles Musizieren zu kommen. Wichtig ist es, offen für die Gruppe zu sein, direkt in Kontakt mit den Kindern treten, zu lächeln, Ruhe auszustrahlen, Zeit zu geben.

Was auch immer diese Kinder in den letzten Wochen erlebt hatten, diese Stunde des musizierenden Miteinanders machte es wohl möglich, all das einen  Moment lang außer Acht zu lassen und sich auf den Moment einzulassen, vielleicht sogar Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu erfahren. Jedenfalls durfte ich in viele leuchtenden Kinderaugen blicken, was mich besonders berührte. Musik verbindet, das wurde hier wieder sehr deutlich.

Familienraum
MBP / Rhythmik-Studierende mit Flüchtlingskindern im Familienraum am Wiener Westbahnhof

Lisa Erber: “Viel Energie und Freude in Kindern”

Für mich war es ein sehr intensives Erlebnis, mit den Flüchtlingskindern Rhythmik zu machen. Durch meine Erkältung und weiters meine zurückhaltende Rolle als Musikerin, hatte ich die Möglichkeit, mehr als Beobachterin zu agieren. Ich fand es bemerkenswert, wie schnell die Kinder verstanden: Egal wie viel sie in den Wochen zuvor erlebt hatten, während dieser gemeinsamen Zeit mit uns konnten sie wohl Vieles vergessen und hatten Spaß miteinander mit Musik und Bewegung.

Es machte mir deutlich, wie wirksam die Mittel der Rhythmik auf non-verbaler Ebene sein können und wie viel Energie und Freude in Kindern geweckt werden kann.

 

Manuela Mayer: “Freude verbreiten und zum Mittun anregen”

Ich glaube, wir haben an diesem Tag einmal mehr bewiesen, worin die Stärken von RhythmikerInnen liegen:

  • spontan auf eine Gruppe zu reagieren und sich auf die gegebene Situation einzulassen.
  • ohne große Vorbesprechung sich mit der eigenen Gruppe auf etwas einigen bzw. im Tun nonverbal mit der eigenen Gruppe zu kooperieren, was gemacht wird bzw. was der nächste Schritt ist.
  • Freude zu verbreiten und zum Mittun anregen.

Ich glaube, wir konnten mit einfachen Mitteln etwas Gutes bewirken und den Flüchtlingen sowie auch den dort Helfenden die Zeit verschönern, um auch mal kurz an etwas anderes denken und die Sorgen vergessen zu können. Ich glaube auch, dass wir nicht nur die Kinder, sondern auch die erwachsenen Flüchtlinge mitreißen konnten.

bilderfluchten
Voller Saal bei der Präsentation des Film- und Musikprojekts “BilderFluchten – FluchtenKlänge” vom 15. Dezember 2015. Infos & Fotos: www.mdw.ac.at/bilderfluchten_2015

Georg Wagner: “Wichtig, auf Menschen unmittelbar zu zu gehen”

Die Rhythmik gibt uns ein gutes Handwerk, um unmittelbar von Mensch zu Mensch, egal welcher Herkunft und kultureller Unterschiede, ein Miteinander gemeinsam kreieren zu können.

Trotz der Tatsache, dass wir uns als Studierende erst seit kurzem kennen und dieser unser erster gemeinsamer “Einsatz” im öffentlichen Raum war, haben wir relativ rasch die Situation aktiv und mit Feingefühl gestaltet: Jede und jeder konnte sich einbringen und hatte was beizutragen.

Wir einigten uns sehr bald auf einen gemeinsamen Spielablauf, der sich während des Tuns weiterspann. Es ergab sich schließlich jeweils aus der Situation heraus, was wir als Nächstes anbieten. So kamen wir allmählich in einen Spielfluss, der von den Kindern, die mit Eltern vor Krieg und Terror fliehen mussten, mit freudestrahlenden Gesichtern aufgenommen wurde.

Mich persönlich haben diese Kinder sehr berührt. Sie mussten sehr viel Böses erleben und strahlten dennoch gleichzeitig eine Lebensfreude und Offenheit aus, was mich tief beeindruckte. Schnell entstand mit ihnen eine universelle, spielorientierte Kommunikation über alle gesellschaftlichen und kulturellen Barrieren hinweg.

Gemäß unserer Profession als RhythmikerInnen fanden wir einen schönen Einstieg mit einem einfachen Begrüßungslied “Hallo hallo, guten Tag”. Der Rhythmus des Liedes wurde erst gemeinsam, dann auch von Kind zu Kind mit Klatschen, Stampfen und einfacher Bodypercussion weitergegeben.

Danach verteilten wir Percussionsintrumente und Seidentücher und schon wurde gemeinsam gesungen und musiziert. Das Vertrauen und eine Offenheit füreinander waren somit hergestellt und schließlich gingen wir dazu über, mehr in Richtung Bewegung zu agieren.

Besonders zwei der Mädchen trauten sich schließlich, uns einen Tanzschritt und ein Sesselspiel vorzuschlagen und zu zeigen. Wir drehten das Spiel mit dem zweifelhaften Namen “Die Reise nach Jerusalem…” einfach um und hatten viel Spaß damit, die Anzahl der Sessel immer kleiner, aber die Anzahl der Mitspieler gleich zu lassen, sodass am Ende fast alle auf ein oder zwei Sesseln dicht zusammen standen, auf engstem Raum.

Diese kurze Erfahrung zeigt mir wieder, wie wichtig es ist, auf Menschen unmittelbar zu zu gehen, ihnen in die Augen zu blicken und mit Wertschätzung zu begegnen. Dagegen haben sinnloser Hass oder aufgesetztes Mitleid keine Chance.

performance_revoada
Neuinterpretation des iranischen Epos “Die Konferenz der Vögel” im Rahmen des Kooperationsprojektes “Understanding without words”. Infos: www.mdw.ac.at/revoada

Beobachtungen & Fazit

Meine Kollegin Doris Lücking war während der Aktion als Beobachterin anwesend. Das Auffälligste war, dass die Sprach- und Altersunterschiede keine Rolle spielten, da sich Studierende und Kinder hauptsächlich auf einer nonverbalen, musikalischen Ebene begegneten.

Die Studierenden vermochten es gekonnt, auf die teils unruhige Situation im Spielzentrum mühelos einzugehen: Live-Musik verändert die Atmosphäre sofort. Das trifft auch auf die Möglichkeit des Mitmachens zu, da die Perkussionsinstrumente bei den Kindern sehr begehrt waren. Der Höhepunkt des Gruppenklimas war für mich die Laut/Leise-Sequenz, als alle Kinder plötzlich sehr lebhaft und gemeinschaftlich dabei waren.

Die ganze Einheit dauerte 75 Minuten, was für mein Gefühl etwas zu lang war. Dennoch waren die Reaktionen der Erwachsenen, Kinder und freiwilligen HelferInnen durchwegs positiv. In der ungewissen, unsicheren und auszehrenden Fluchtsituation in die Fremde kann eine Rhythmikeinheit für einen kurzen Moment belebend und zentrierend wirken. 
Eine Betreuerin meinte z.B., dass die Familie eines Mädchens mit Gehbehinderung morgens total erschöpft angekommen war. Jetzt sei das Mädchen wie ausgewechselt.

Lokalaugenschein am Tag danach

Am Tag nach der Aktion kehrte ich in den Familienraum zurück, um ein Interview mit den dortigen MitarbeiterInnen zu führen.

Ein Mitarbeiter berichtete, dass die Kinder während des Spielens am Nachmittag nach unserer Aktion vor sich hin gesungen haben. Das machen sie sonst nie. Am Abend hat jemand zur Gitarre gesungen und die Kinder haben begeistert mitgesungen. Dem gehbehinderten Mädchen ging es vor unserer Aktion nicht gut – danach blieb sie fröhlich bis zum Abend.

Die Eltern haben hingegen keine Reaktion gezeigt, nachdem die Studierenden nicht mehr anwesend waren. Eine Betreuerin berichtet, dass die Kinder der Flüchtlinge generell einfach großartig sind. Die Eltern dagegen sind wie gelähmt. Die Situation, alles zurückgelassen zu haben und nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, belastet in einem fast unerträglichen Ausmaß.

Aufgrund dieser schönen Erfahrungen bieten unsere MBP / Rhythmik-Studierenden selbständig im Flüchtlingslager Vordere Zollamtsstraße einmal wöchentlich “Musik und Bewegung / Rhythmik für Kinder” sowie Jam-Sessions an. Da die Zahl der TeilnehmerInnen stark variiert, ist die Situation jedes Mal eine andere, was eine flexible Arbeitsweise erfordert. Dennoch arbeiten die Studierenden mit den TeilnehmerInnen gemeinsam auf ein Konzert hin, um mit einer Präsentation für Publikum den Austausch mit der Gesellschaft und dem Leben in Wien voranzutreiben.

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