Mit dem Flieger nach Riga

Amüsante & ernste Kurzgeschichten aus Lettland

Hier erzähle ich einige Geschichten aus dem lettischen Alltag, aus dem Studium, sowie Impressionen aus dem Leben mit einer 75-jährigen Frau namens Albertina. Ich war Albertinas Untermieter über die vier Monate in der Straße Ieriku Iela. Sie hat mir die Stunden unter anderem mit Fischsuppe und “Hering unter dem Pelz” versüßt.

Wohnen in Riga

Letten sind im Allgemeinen mit drei Schlüsseln ausgestattet. Und einer Nadel, die an einem Schlüsselbund keinesfalls fehlen darf. Diese Ausrüstung ist unerlässlich im Riga-Plattenbau, um in die Wohnungen zu gelangen.

Die erste Hürde, um überhaupt das Stiegenhaus zu betreten, ist ein zweistelliger Code für das Eingangstor (aus sechs Druckknöpfen muss man eine Paar-Kombination gleichzeitig drücken).

Hürde Nr. 2: Das Stiegenhaus ist finster: In jeder Etage befindet sich ein Sicherungskasten. Man öffnet ihn (unter lautem Wetzen und Knarren) und versucht nach bestem Gewissen, den Lichtschalter in der Finsternis bloß nicht mit der Hauptsicherung gleich daneben zu verwechseln. Die Hauptsicherung befindet sich, je nach Stockwerk, manchmal links, manchmal rechts vom Lichtschalter: Try and Error bekommt nächtens in der Riga-Vorstadt eine ganz neue Bedeutung.

Albertina
Werner mit Mitbewohnerin Albertina

Hürde Nr. 3: Das Sperr-Ritual: Man steckt den Schlüssel in den Kolben. Danach führt man die Nadel im rechten Winkel in den Schlitz unter dem Schloss, um die Platine auf der Innenseite der Tür wegzudrücken und so das Schloss drehen zu können. Auf diese Weise öffnet man auch Schlösser an der Innentür.

Es ist ein doppelter Einbruchsschutz: Erstens, Schlösser­knacken ist ein langwieriger Prozess, bei dem man beide Hände frei haben muss, um sich der Sache voll und ganz zu widmen; und Zweitens, durch das wiederholte, laute Sperren, Klemmen, Drücken, Pressen und Drehen ertönt zugleich ein akustisches Warnsignal.

Oft passierte es, dass die Nachbarn misstraurisch aus ihren Wohnungen lugten, um sicher zu gehen, dass sich nicht jemand an ihrer eigenen Tür zu schaffen machte.

Mäuse-Alarm

Eine winzige Maus hab ich schon vorher einmal in der Straße meiner Unterkunft entdeckt. Ich habe gedacht, die gehört zum lettischen Inventar. Aber nachdem sie Frau Albertina auch in der Wohnung entdeckt hatte, erfuhr ich, dass sie doch nicht zum Mobiliar gehörte.

Sie hat geschrieen. Da sind noch vier weitere Mäuschen aufgetaucht. Winzige Mäuschen. Wir haben gemeinsam versucht, sie zu fangen, einen ganzen Abend lang. Wir haben fleißig gehämmert, geklatscht und geschrieen, um sie aus ihren Verstecken zu locken.

Am Morgen sind sie dann im Kompost aufgetaucht. Sie hatten sich über Nacht daran vergangen und wurden schnurstracks abtransportiert. Eine kleine Maus hat Frau Albertina demonstrativ aus dem Fenster geworfen. Katzen waren im Hof versammelt. Die wussten schon, was das bedeutet: dieses Futter-Wurf-Ritual war ihnen nicht unbekannt.

So viel zu den Mäusen.

Am nächsten Abend gab es dann eine Torte, die Frau Albertina zubereitet hatte: “Hering unter dem Pelz”. Ich aß und genoss und dachte nicht weiter darüber nach.

Essen
Eine Auswahl an lettischen Gerichten

Erst, als wir einige Zeit später erneut Mäuse in der Wohnung fanden und am darauf folgenden Tag wieder “Hering unter dem Pelz” auf dem Speiseplan stand, wurde ich etwas skeptisch. Der Zusammenhang zwischen Maus und Hering stimmte mich nachdenklich.

Selbst ist der Mann

Es gibt immer wieder Überraschungen, an die ich niemals auch nur im Entferntesten gedacht hatte.

Gestern Morgen: Ich habe die Halterung des Duschkopfes herunter gerissen. Zu meiner Verteidigung: Es war gar nicht schwierig! Zwei kurze Schräubchen waren ein paar Millimeter in die nackte Wand getrieben – an so einer Stelle an der Wand, wo schon viel gehangen hatte und alles letztendlich doch wieder herunter gebrochen zu sein schien.

Ich habe also mit Frau Albertina ausgemacht, dass wir am kommenden Abend alles reparieren würden… und als ich abends heimkam, hatte sie alles für eine mittlere Baustelle hergerichtet: Die Badewanne mit einem Tuch ausgelegt. Der russische Bohrer inklusive Verlängerungskabel griffbereit. Hammer jeder Größe hergerichtet. Unzählige Nägel (mit Hammer, Sichel und Stern drauf) mit  Schrauben – keine zwei gleichen! (Kaputte) Gewinde, Bohrköpfe in verschiedenen Größen (größtenteils bis zur Unkenntlichkeit abgewetzt), Nadeln (die waren alle fein säuberlich platziert), Schraubenzieher… und zwei “Duubeli” (Dübel russisch ausgesprochen). Und abgefackelte Zündhölzer. Wie sich später herausstellte, dienen diese dazu, die Dübel auch dann in der Wand zu fixieren, wenn mehr davon herausbricht, als beim Bohren beabsichtigt war. Zu meiner Ehre: wir brauchten die Zündhölzer an diesem Abend nicht.

Also ran an die Arbeit. Wir haben lang diskutiert, warum und wie ein dreieckiges Holzstück mit dem Duschkopf daran auf welche Weise in die Wand zu wuchten wäre. Mit dem Russischen Bohrer, dem “Drilli”, ging es los: Man drückt den Hebel bis zum Anschlag durch und er dreht sich in vollem Karacho. Zwischendurch funkt er ein bisschen.

Wir haben uns geeinigt, nur zwei (etwa gleich lange Schrauben) zu verwenden. Und die zwei uns zur Verfügung stehenden Dübel zu verwenden – inklusive der Beilagscheiben – um die Brause mit der Duschkopfhalterung in der Wand zu verankern. Es hat geklappt.

Riga im Herbst
Riga im Herbst

Busfahren in Lettland

Eine einfache Busfahrt kostete 0,30 Lats – zumindest vor der Umstellung auf den Euro Ende 2013. Es gibt vier verschiedene Möglichkeiten – ich habe das erst nach zwei Wochen zu unterscheiden gelernt. Es gibt Straßenbahnen. Es gibt Autobusse (Betonung auf o). Doch die Busse werden in drei verschiedenen Kategorien unterschieden:

  1. Autobusse (die so heißen und mit Benzin betrieben werden)
  2. Trollejbusse (Oberleitungsbusse)
  3. Mikrobusse (Kleinbusse mit Sitzbanken und Leuten, die darin stehen; und die, ob des rasanten Verkehrs, ständig herumkugeln)

Alle Busse, mit denen ich bisher unterwegs war, hatten eine Konduktorin, die auf dem “Vieta Konduktors” sitzt. Ein erhöhter Sitzplatz bei der mittleren Bustür. Die Konduktorin verkauft die Tickets und spricht, je nach Naturell, streng oder freundlich, sanftmütig oder grantig mit den Passagieren. Der Chauffeur ist nur mit Fahren beschäftigt. Und damit, die Stromleitung wieder mit der Oberleitung zu verbinden. Ob der rasanten Reisegeschwindigkeit und der nur provisorisch geflickten Straßen hüpfen die Masten gerne aus den Schienen.

Leider gibt es keine Fahrplantafeln, bei welchen Stationen der Bus hält. Es gibt keine logischen Routen für die Busse, der Weg in die eine Richtung unterscheidet sich mitunter komplett von der Gegenrichtung. Und wenn einmal Stationen direkt gegenüber liegen, in derselben Strasse, auf derselben Höhe – dann heißen sie trotzdem anders. Das wird für Neuankömmlinge ein bisschen stressig. Aber ich hab mittlerweile mitbekommen, dass fast jeder Einheimische den Buschauffeur oder die Konduktorin fragt, ob der Bus dort oder dahin fährt, um dort und da stehen zu bleiben.

Und, allein um jemanden zu fragen, wäre es natürlich hilfreich, die Namen der Stationen zu kennen.

Riga im Winter
Riga im Winter

Die andere Seite der Medaille

An Lettland hat mich also der Abenteuergedanke fasziniert. Ziemlich losgelöst von allen gewohnten Lebensumständen; in einer Sprachumgebung, die keine romanische Sprache ist; in einem Land, das erst seit 1991 demokratisch ist; in  einem Land mit 15 Prozent Inflation, die auch für mich als Gast spürbar war;  in einem Land, in dem mehr BMW Superklasse verkauft werden als in ganz Bayern; in einem Land voller Widersprüche zwischen Alt und Neu, zwischen Letten und  Russen; in einer neuen, nordischen, musikalischen Umgebung.

Da ist viel Zeit für das Instrument, aber auch viel Zeit, sich intensiv mit der eigenen Person und anderen Menschen auseinander zu setzen. Ziele neu zu  formulieren oder zu revidieren, andere persönliche Ziele wiederum mit noch mehr Energie zu verfolgen.

Ein “klassischer” klassischer Saxophonist hätte eine andere Hochburg in Europa anstreben müssen. Paris, Amsterdam oder welche renommierte Kaderschmiede da noch zu ergänzen wäre. Das habe ich meinen Instrumentallehrern in Riga nicht erklären können.

Werner Rohrer
Werner Rohrer

Mein Eindruck von der “Russischen Schule”

Perfektion steht immer vor Individualität, technische Schule vor der Notwendigkeit, eigenen Stärken und Perspektiven nachzugehen. Der Aspekt der unbändigen Freude am Musizieren wird mitunter am Streben nach perfekter technischer Umsetzung vernachlässigt. Auch die jüngste Lehrergeneration, alles motivierte und perfekte Musiker, sind meist innerlich gebrochen, weil sie ihren selbst festgelegten bzw. tradierten Ansprüchen nicht gerecht werden können. Es passiert häufig, dass sie diesen Frust ungefiltert an ihren Studierenden abladen. Meine bittere Meinung: Hier wird sich erst in zwei bis drei Musikergenerationen etwas ändern können.

Auf der anderen Seite bietet die Akademie am Instrumentalsektor, im Chor- und Dirigierbereich einen interessanten und soliden musikalischen Standard und viele Trainings-, Präsentations- und Auftrittsmöglichkeiten – auch für Gäste wie mich. Alle Lehrenden, die ich persönlich kennen lernen durfte, waren interessiert am Meinungsaustausch und am Vergleich der unterschiedlichen Schwerpunkte, auch in Hinblick auf das Endergebnis des Studienprozesses für Studierende.

Park in Riga
Park in Riga

Lernen fürs Leben

In Lettland würde ich nach meinen Studien und Lehrern am Konservatorium Graz und an der mdw nicht bestehen. Ich würde scheitern müssen, wenn ich meine für mich definierten Werte weiterhin verfolgen wollte.

Dennoch – ich bin für all diese Erfahrungen, die hier vielleicht verbittert klingen, wahrhaft dankbar. Erasmus bietet eine Chance, in andere Kulturen des Denkens, Arbeitens und Lebens einzutauchen. Ich hatte die Gelegenheit, in Bernsteins   Westside Story mit dem Lettischen Sinfonischen Orchester aufzutreten, Auftritte in der Nationaloper, der Akademie und einem Kammermusikfestival zu bestreiten. Dafür bin ich dankbar.

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