Post aus Stockholm

Ein Brief an alle Daheimgebliebenen

Zeitreise in den düsteren Oktober 2014:

Zu diesem Zeitpunkt studierte ich im Rahmen meines Studiums der Instrumental(Gesangs)Pädagogik gerade als Erasmus-Studentin in Stockholm, der Hauptstadt Schwedens. Wer wissen will, wie es mir ganz zu Beginn dort ergangen ist, kann hier eine gekürzte (Ja! Der Text ist wirklich gekürzt!) Version des Briefs lesen, den ich damals zwei Monate nach meiner Ankunft an Freunde und Familie verschickt habe.

Viel Vergnügen!

Blick auf Södermalm
Blick auf Södermalm

 

Familie, Freunde, interessierte Allgemeinheit! Liebste Alle!

Aufgrund diverser Anfragen und meines persönlichen Mitteilungsbedürfnisses erfolgt hiermit ein erster Erlebnisbericht aus dem hohen Norden, versendet in einem unpersönlichen (dafür aber höchstpersönlich verfassten und äußerst persönlich geschilderten) Sammelmail.

Ich feiere heute den Beginn meines exactement zweiten Monats hier in Stockholm und habe beschlossen, dass dies ein würdiger Moment für einen freudigen Einstandsbericht ist, bevor lichtentzugsbedingte und prä-novemberale Stimmungsschwankungen eintreten und sich die Depression auf den Wortlaut meiner Nachrichten niederschlägt.[1]

[1] EXKURS bevorstehender Lichtentzug: Hier schon länger Ansässigen macht es offenbar einen Heidenspaß, bei Neulingen Schreckensberichte von der dunklen Jahreszeit zu verbreiten. Die Geschichten werden von Mal zu Mal schlimmer, die Nächte jedes Mal länger, die Dunkelheit düsterer, die Menschheit depressiver. Noch bin ich der naiv-blinden Meinung, dass Massenpanik-Erzeugen ein beliebtes Hobby zu sein scheint. Ganz à la: So machen Sie aus der Mücke einen Elefanten. Oder aber: So steigern Sie sich am besten in ein Drama hinein, wo keines existiert. Zur Sicherheit werde ich die diversen Tipps, die am Mittagstisch in der Kantine geflüstert werden, trotzdem befolgen [Kerzerl kaufen, Vitamin D schlucken, den November überstehen]

Gamla Stan
Gamla Stan, die Altstadt Stockholms

 

Gebrauchsanweisung für besagten Text

Ich habe beschlossen, der Übersichtlichkeit halber alles in Rubriken einzuteilen. Ich hoffe, dass ich damit den verschiedensten Anliegen gerecht werden kann. Seien es mehr mütterliche Interessen (Hast du genug zum Essen [ja], wohnst du dort wirklich in einem Wald [j…ein], hast du genug warme Sachen eingepackt [nein]) oder neugierig-ungläubige Fragen diverser Mittzwanziger (Ist der Alkohol wirklich so teuer [JA], kann man dort wirklich kein Bier im Supermarkt kaufen [j…ein], trinken die Schweden auf Partys wirklich keinen Wein [nein]) – hoffentlich habe ich sämtliche Interessensgebiete abgedeckt!

 

Zu Beginn: Thema Schweden: Veri- und Falsifizierung diverser Klischées

JA; die Schweden sind modebewusst. Männer tragen große Uhren und Frauen tragen Fliegerbrillen. Der momentan-gegenwärtige Trend heißt übrigens bauchfrei. Laut meiner zurzeit auf britischem Boden weilenden Lieblingsfreundin dürfte das ein aktuelles Inselphänomen sein, das nicht nur auf skandinavischem Boden gehäuft auftritt.

Friedhof
Ein Friedhof im Wald, mitten in der Stadt

JA; die Schweden sind gesundheitsbewusst. Jedermann und –männin läuft (rennt!) durch die Gegend, in der Hand Hanteln, GPS-Mess-Zeugs oder Kinderwägen (btw: JA, die Schweden bekommen wirklich viele Kinder in äußerst jungem Alter). Die Wichtigkeit, als Studierender und Mensch generell genug Sport zu treiben, war der Rektorin in ihrer Einführungsrede sogar einen eigenen Absatz wert.

NEIN; die Schweden sind nicht alle blond. Absolutes Gerücht. Zugegebenermaßen, der Semmelblondfaktor ist wesentlich höher als in Österreich. Mausgrau, kastanienbraun und giftgrün finden sich aber ebenso unter der Farbvielfalt diverser Haupthaar-Prächtigkeiten.

JA; Schweden ist teuer. Stockholm ist teurer. Keine Beschönigungen in diesem Punkt!

ABER; JA; es zahlt sich aus! Stockholm ist wunder-wunder-wunderschön. Ich kann’s gar nicht beschreiben, WIE schön die Stadt ist. In Stockholm versteht man, warum manche Dichter das Bedürfnis hatten, von der Schönheit der Natur Gedichte zu schreiben (mit dem Lohn, auf ewig nur als Blumen-und-Käfer-Schreiberlinge im Gedächtnis der Menschheit zu bleiben, die Ärmsten, Anm.).

Sommerzeit
Das Licht am späten Abend während der Sommerzeit

 

Vom Freunde-Finden (persönliche Sozialstudie)

Liebe Mama und Oma! Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Es stimmt, ich bin knapp 2.000 Kilometer von zuhause weg, allein in einem kalten und düsteren Land, dessen Sprache ich nur bruchstückhaft spreche. Ich bin aber nicht allein und einsam! Freundefinde-Möglichkeiten finden sich nicht nur auf der Uni, beim Fortgehen etc., sondern natürlich auch auf dem Campus, auf dem ich lebe. Rund 2.000 andere am Campus lebende Studenten bieten genügend Gelegenheiten, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Und bei den Einführungstagen lernt man gleich seine Erasmus-Gruppe kennen.

Die ist ein buntes Völkchen: Regional-Weltlich-Geographikalische Aufteilung: Länder meiner Erasmus-Gruppe sind zum Beispiel: Portugal, Schottland, Texas, Estland, Slowenien, Norwegen, Finnland und, allen voran, Deutschland! (Das Vergnügen, das gefühlte 83 % der Bevölkerung empfindet, österreichisches Deutsch [mittelprächtig] nachzuahmen, sobald eine Österreicherin auftaucht, werde ich einfach nie verstehen können, Anm.)

Die Gründe, für ein Auslandssemester nach Stockholm zu kommen, sind vielfältig: Manche wollen Schnee sehen. Andere Englisch lernen (?). Andere kommen wegen bestimmter ProfessorInnen an der Uni.

gartenhaeuschen
Gartenhäuschen in der Nähe des Studierendenheims

 

Thema: Fremd in einem Land sein

Erstens: Wenn der Sprachkurs schon zwei Jahre her ist, ist es NICHT empfehlenswert, gleich am ersten Tag zu versuchen, ein schwedisches Callcenter anzurufen, um mitzuteilen, dass der Internetanschluss einfach nicht funktioniert.

Zweitens: Milchprodukte stehen in Schweden hoch im Kurs. Das führt dazu, dass Versuche, Milch für den Kaffee zu kaufen, mehrmals missglückt sind. In meinem Kühlschrank waren in der ersten Woche ein Liter Buttermilch, in der zweiten Woche laktosefreie Milch und in der dritten Woche (warum auch immer) ein Liter Jogurt im Tetrapak. Mittlerweile habe ich mir das laktosetechnische Fachvokabular angeeignet und kann in der Früh beruhigt aufwachen.

Disco-Fever

JA, die Schweden sind ein Disco-Volk. Wirken sie im Alltag zurückhaltend, reserviert oder introvertiert, findet, sobald sie die Tanzfläche stürmen, eine 180-Grad-Persönlichkeits-Wende statt. Der wahre Star der Szene ist aber nicht, wie allgemein angenommen wird, ABBA, nein! Es ist eine Dame namens Carola, heiß geliebt von der ganzen Nation – quasi der weibliche Rainhard Fendrich in skandinavischen Gefilden. Man muss sich anscheinend ein bisserl genieren, wenn man sie gerne hört – aber das ist mit R. Fendrich ja dasselbe. Ich bin schon auf den Geschmack gekommen. Auch Schundmusik hat Daseinsberechtigung!

Winter
Winter

Grand Thema Alkhol [2]

[2] Nachdem das die Problematik ist, zu der ich die meisten besorgt-ungläubigen Fragen gestellt bekomme.

Es ist kein Gerücht.

Alkohol in Schweden ist nicht so leicht zu kaufen und unsagbar teuer noch dazu. Im Supermarkt gibt’s Cider (der wie ein Stück Würfelzucker mit Apfelsaft vermischt schmeckt, Anm.) und sonst nix.

Will man Alkohol kaufen, muss man in den sogenannten Systembolaget (der ungefähr drei Stunden an zwei Tagen der Woche geöffnet hat) gehen. Dort stehen viele Flaschen verschlossen hinter Glas, man schreibt auf, was man will und kriegt dann, nachdem man seinen ID[3] hergezeigt hat, vom Verkäufer die gewünschten Substanz. Und irgendwie hat man dabei die ganze Zeit das Gefühl, dass man etwas Verbotenes macht.

[3] Übrigens muss man hier ständig irgendwo einen ID herzeigen. Prophylaktisch, wenn man in eine Bar reingeht; aber auch, wenn man sich für eine Studentenparty oder so anmeldet, Anm.

Will man beim Fortgehen in einem Lokal Alkohol trinken, muss man viel Geld zahlen. Dafür bekommt man dann aber zum größten Teil auch wirklich grausige Dinge zu trinken!

Jetzt gibt’s mehrere Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen:

  • Man trinkt einfach gar nichts. Denn, Mütter und Lehrer haben es schon immer gewusst: Man kann auch ohne Alkohol Spaß haben. Außerdem spart man sich die böse postalkoholisierte Phase. Und kommt noch mit der letzten U-Bahn heim. (Die U-Bahn fährt erstaunlich lange in Stockholm, Anm.)
  • Man trinkt nur ein Glas, zahlt dafür aber für drei.
  • Man trinkt genauso viel wie anderswo und gibt horrendes Geld dafür aus.
  • Man stellt selbst Alkohol in seinem Zimmer her. (Funktioniert angeblich mit Sägespänen)

Exempel zum Thema Sightseeing in Schweden: Die Besichtigung von Tieren mit und ohne Geweih

Aus den wunderviel erlebten und betrachteten Dingen in Stockholm möchte ich ein Erlebnis besonders unterstreichen: Ich habe einen Bären und einen Elch besichtigt. Spännande! Absolutes Hoch-Fest der vergangenen Woche! Wann sieht man immerhin schon einen Elch?[4]

[4] EXKURS Thema Tiere: Mein Studentenheim liegt quasi im Wald. Auf dem Weg zur U-Bahn begegne ich regelmäßig zwei Kühen und diversen Rehen; in unserer Küche fliegt immer wieder ein Vogel herum, und am Unigelände hoppeln Hasen herum; es ist die reinste Bauernhof-Urlaub-für-Stadtkinder-Erfahrung hier. Die Vögel, die hier herumflattern, sind alle schön und bunt und toll zum Anschauen. Und das sage ich trotz meiner Vogelabneigung!

waldspaziergang
Waldspaziergang

Besagte Tierart schaut so unglücklich gestaltet und unbeholfen aus, dass man sie irgendwie gern haben muss. Den Kuschelfaktor-Test gewinnen aber eindeutig die Braunbären! Beim Beobachten von zwei Baby-Braunbären, die miteinander spielen, kuscheln oder raufen (wäre gut, in solchen Situationen den Unterschied zu wissen, Anm.), hat man automatisch das Bedürfnis, sie zu streicheln, trotz Raubtiergefahr. Befremdliches Detail am Rande: Das schwedische Wort für Bär ist Björn, wie der Vorname, den jeder dritte Schwede trägt.[5]

[5] „Hej Bär! Wie geht’s dir, Bär? Alles klar, Bär? … ?????? … Tiernamen sind mir anscheinend nicht nur als Koseworte, sondern vor allem als tatsächliche Vornamen suspekt, Anm.

Übrigens, mein Name: Alle sagen Preschka zu mir. Weil die Kombination s+k im Schwedischen ein sch wird. Man gewöhnt sich an neue Vornamen. Vielleicht sollt ich es so machen wie meine chinesische Korridorkollegin, die hat sich einen anderen Namen für ihre Zeit in Stockholm zugelegt, damit sich die patscherten Europäer mit ihrem Namen nicht plagen müssen. It happens, dass ich mir zwar ihren chinesischen, dafür aber nicht ihren europäischen Namen gemerkt habe. (Die Flut an neuen nicht-auszusprechenden Namen, die ich mir jeden Tag merken soll, ist absolut inakzeptabel. Aber immerhin ein Training für den späteren Schulalltag.)

Schreibstil

Man merkt, ich schreibe mit sich akademisch anfühlenden Fußnoten. Das liegt vornehmlich daran, dass ich zurzeit nur unendlich viel Literatur für meine Diplomarbeit lese, die (langsam, sehr langsam, aber sicher, Anm.) zu gedeihen (JUHU) beginnt.

Resümieren und Reflektieren ist nach so einem langen Brief wichtig. Deswegen hier die Kurzfassung des trotz bester Vorsätze und vieler fehlender Ereignisse in epische Längen ausgearteten Briefs:

Jag mår mycket bra här! Sverige är underbar.

Bis zum nächsten Brief:
Puss och kram,
Priska

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