Ein Semester auf mich gestellt

Meine Gedanken über Erfahrungen, Erlebnisse, Ereignisse in Malmö

Ich setzte mich eben gerade vor meinen Laptop – zwei Tage nach meiner Heimreise von Schweden, einen Tag vor Weihnachten – und lasse die letzten vier Monate noch einmal Revue passieren. Viele schöne Erinnerungen und Gedanken schweben mir nun im Kopf herum. Ein kleiner Hauch von Traurigkeit breitet sich in mir aus, da diese schöne Zeit nun doch ein Ende gefunden hat – dennoch wird diese Betrübnis aber gehemmt von der vorweihnachtlich aufkommenden Zuneigung zu meinen Geliebten, zu Familie und Freunden. Schön war’s, aber für mich lang genug.

Sprung ins kalte Wasser

Beeindruckt und mitgerissen von den Erzählungen und der langen Fotoshow meines großen Bruders nach seinem Auslandssemester in Australien wusste ich sofort – das will ich auch!! Und plötzlich stehe ich ganz allein in meinem leeren Studentenheimzimmer in Malmö. Keine Freunde, fremde Sprache, keine Ahnung was mich hier erwarten würde. Die erste Woche meines Aufenthaltes war ein Auf und Ab der Gefühle.

Zum einen blieb kaum Zeit für etwaiges Aufkommen von Heimweh übrig, da ich mich mit Dingen wie dem Finden des richtigen Weges in einer total fremden Stadt oder dem Einkaufen von Lebensmitteln, von denen ich keinen Plan hatte wie diese auf Schwedisch heißen könnten, erstmal herumschlagen musste. Doch gerade dies brachte mich manchmal nahezu an meine Grenzen und ich fragte mich im einen oder anderen Moment: “Was machst du eigentlich hier? Wie hast du dir vorgestellt hier nun ganz allein zurechtzukommen”

Doch das war ich nicht. Freunde finden ist gerade in den ersten Tagen eigentlich ganz einfach und ich merkte schnell, dass ich mit derartigen Bedenken nicht die einzige war. Soziale Aktivitäten und ein Schwedisch-Crashkurs lichteten die Anfangsbetrübnis schon etwas auf und ich dachte mir: “Du bist jetzt hier. Mach was draus!” Und das tat ich auch.

Malmoe im Sommer
Malmö im Sommer

Erste Eindrücke an der Uni und Sprachbarrieren

Nach einer zweiwöchigen Einführung in das Leben in Schweden und einem Basic-Sprachkurs im Nachbarort Lund durfte ich nun auch die Uni und meine Studienkolleginnen und -kollegen für das kommende Semester kennen lernen. Mein Stundenplan wurde mir sehr bald zur Verfügung gestellt und alles lief recht strukturiert und reibungslos ab. Ein erstes positives Merkmal der Schweden: Organisation!!

Meine Lehrer in den Fächern Gesang, Klavier und Klarinette waren alle sehr nett und kompetent und hatten keinerlei Probleme, den Unterricht auf Englisch abzuhalten. Ein zweites beeindruckendes Merkmal der Schweden: weitgehend hervorragende Englischkenntnisse! Ich bekam viele neue Inputs und kann mich kaum über etwaige Mängel gegenüber den in Wien gewohnten Standards beklagen. Doch ich nahm auch an regulären Kursen teil, die auf Schwedisch abgehalten wurden, wie zum Beispiel Klarinettenmethodik, Drama und Rhythmik oder Chor. Dies bereitete mir gerade anfangs ein paar Schwierigkeiten. Ich musste schwedische Texte lesen und brauchte hierbei zu Beginn des Semesters ca eine Stunde pro Seite, um den Inhalt zu verstehen, nachdem meine Schwedischkenntnisse noch seeehr basic waren und ich fast alle Wörter nachschlagen musste.

Glücklicherweise hat die Sprache aber einige Gemeinsamkeiten mit Deutsch und durch selbstständiges Üben am PC und durch die Erfahrung im Lande wurde ich immer besser und schneller im Verstehen. Gegen Ende des Semesters brauchte ich gewisse Texte nur mehr überfliegen und konnte die Grundidee erfassen. Im Chor trainierten wir die Zahlen ausgiebig: “Vi sjung från takt fem” und in Drama und Rhythmik musste ich die meiste Zeit eigentlich nur die anderen imitieren. Sprechen ist jedoch ein anderes Thema. Dadurch dass man überall eigentlich sehr gut mit Englisch durchkommt, wurde man nicht gerade ermutigt, sich die Sprache perfekt anzueignen, was Zeit spart, aber auch ein bisschen schade ist. Nichtsdestotrotz konnte ich jedoch meine Englischkenntnisse etwas aufpolieren und fühle mich zumindest beim Englisch sprechen jetzt ziemlich sattelfest.

Ribersborg Stranden
Ribersborg Stranden und der Turning Torso

Freizeit und Reisen

Nachdem ich in Wien ja ein Doppelstudium absolviere und mich bis vor kurzem auch noch mit Mathematik abplagen musste, war ich an einen vollen Stundenplan und kaum Luft für Freizeitaktivitäten während den Uniwochen gewöhnt. Ich hatte auch hier in Malmö elf Kurse und musste jeden Tag an die Uni. Jedoch war außer natürlich (bestenfalls tägliches) Üben sonst fast nichts zu tun, da die Lehrveranstaltungen alle praktisch angelegt waren und meist nur aufgrund von Anwesenheit und Teilnahme beurteilt wurden. Ich schäme mich auch fast zu sagen, dass meine einzige Prüfung hier ein kleiner Schwedischtest gleich zu Beginn des Semesters war. Dies gab mir viel Zeit für Unternehmungen und Ausflüge.

Ich durfte mit einer Studentenorganisation namens ESN –  International Exchange Erasmus Student Network auf einen Bustrip nach Norwegen und ins Finnische Lappland sowie mit dem Schiff nach Tallinn fahren. Dies waren ganz unglaubliche Erlebnisse und die Lehrpersonen an der Uni brachten auch Verständnis für die dafür verpassten Einheiten auf. Somit wurde es mir leicht gemacht, ein vor Antritt des Semesters gestecktes Ziel – viel Reisen, Neues kennen lernen – zu erreichen. Malmö ist in dieser Hinsicht ein sehr guter Ausgangspunkt, wenn man die nordischen Länder etwas genauer kennen lernen möchte – man kann Vieles mit dem Bus erreichen und kommt über die Öresundbrücke in 20 Minuten zum Flughafen in Kopenhagen und von dort aus an alle möglichen Destinationen.

Huskyschlittenfahrt
Huskyschlittenfahrt während des Lappland-Trips

Wetter und Bräuche – Differenzen zu Österreich?

Da ich eher kühles Klima bevorzuge und nur wenige Erfahrungen mit Skandinavien generell gemacht hatte, wählte ich Schweden als Destinationsland aus. Natürlich spielten aber auch der hohe Bildungsstandard und der gute Ruf der Musikhochschule eine Rolle. Bevor ich Richtung Malmö abreiste wurde ich stets von Bekannten gewarnt, ja genug warme und regenfeste Kleidung mitzubringen. Doch als ich am 16. August ankam, wurde ich von sommerlichen Temperaturen und Badewetter überrascht, was bis Ende September ziemlich konstant erhalten blieb.

Insgesamt ging ich hier vier Mal im Meer baden und kam mir in den Übezimmern des Öfteren eher wie in der Sauna vor. Auch die regnerischen Tage hielten sich stark in Grenzen. Ganz im Gegenteil: Ich kann mich schon lange nicht mehr an einen so schönen und warmen Herbst erinnern! Der Winter verhielt sich während meiner Anwesenheit auch sehr schüchtern – eine Woche leichter Schneefall im November, das war’s. Die winterliche Dunkelheit fand ich auch nicht so schlimm, da Malmö im Süden Schwedens liegt und die Anzahl der Sonnenstunden nicht so stark von jenen in Österreich abweicht. Außerdem wissen sich die Leute hier gut dagegen zu helfen, indem sie in der Adventzeit ihre Fenster mit Kerzenleuchtern und strahlenden Sternen dekorieren.

Ein ganz besonderes Erlebnis war das am 13. Dezember stattfindende Luciafest, ein Lichtfest, im Zuge dessen wir Auslandsstudenten durch den Kammerchor an einem traditionellen “Lucia-train” teilnehmen durften. Es war zwar eine ziemliche Challenge, die schwedischen Weihnachtslieder auswendig zu lernen, aber es lohnte sich auf alle Fälle. Diese Tradition würde ich gerne nach Österreich bringen!

Lomma Beach
Lomma Beach

Fika und Alkohol

Eine Gewohnheit die mir hier besonders lieb geworden ist, ist der schwedische “Fika” – die Kaffeepause (und ja, diese wird tatsächlich mit diesem Wort bezeichnet). Die meisten Schweden lieben Kaffee und bestehen besonders darauf, am Vormittag sowie am Nachmittag eine kurze Plauschpause mit warmen Getränken und Snacks einzulegen. Sogar die Rezeption an der Musikuni hatte keine Mittagspause während den Öffnungszeiten, sondern zwei “Fikapausen”.

Im Gegensatz zum Kaffee wird man sehr dazu verleitet, seinen Alkoholkonsum zu reduzieren. Um an solchen zu gelangen muss man extra in einen sogenannten Systembolaget gehen, da im Supermarkt nur Getränke mit bis 3,5% Alkohol verkauft werden dürfen. Die Preise sind im Vergleich zu Österreich sehr hoch – der billigste Schmuddelwein im Tetrapak, den ich finden konnte, kostete noch immer 6 Euro! Auch in den meisten Bars zahlt man Unmengen an Geld für ein Getränk. Aufgrund dessen wussten Besucher aus der Heimat stets, über welche Mitbringsel ich mich besonders freuen würde. Nichtsdestotrotz richtete diese kleine Einschränkung aber keinerlei Schaden an und konnte mir meinen Aufenthalt nicht im Geringsten vermiesen.

Kanelbullar
Typisch schwedisch: Kanelbullar (Zimtschnecken)

Im Großen und Ganzen konnte ich während diesen vier Monaten in Schweden sehr viele schöne Erinnerungen sammeln und einige neue internationale Freundschaften schließen. Ich bin jetzt rückblickend dankbar für jeden Tag, den ich dort verbringen durfte und kann ein Semester im Ausland wirklich jedem Einzelnen ans Herz legen und empfehlen!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *