Mein Auslandssemester im Norden Brasiliens

Sechs Monate Südamerika

Sechs Monate Südamerika, fünf Monate in Natal, vier Monate an der UFRN, drei große Brüder in der WG, zwei neue Sportarten erlernt und eine Sprache noch ganz nebenbei!

Beach

Ich bin bereits Anfang August in Wien gelandet, habe aber bewusst einen ganzen Monat mit dem Schreiben gewartet, um nicht nur körperlich, sondern auch wieder seelisch in Österreich anzukommen. Hat man sich erst wieder an das gemäßigte Klima, den Luxus von Trinkwasser und leckerem Schwarzbrot gewöhnt, so kann man entspannter zurückblicken. Viel Spaß beim Lesen!

Kommunikation ist alles!

Wie fasst man am besten sechs Monate, die so unglaublich intensiv waren, auf ein paar Seiten zusammen? Wo fängt man an? Bei den Unikursen, der Unterbringung, der Verköstigung, der politischen Situation, den neuen ungewohnten Sitten oder doch bei den alltäglichen Sprachverwirrungen?

Studienkollegen
Studienkollegen

Starten wir mit der neuen Sprache, denn ohne die Grundkenntnisse des brasilianischen Portugiesisch (klingt weicher als das europäische Portugiesisch), ist weder das Einkaufen noch das Taxifahren möglich, geschweige denn, dem Inhalt einer Lehrveranstaltung zu folgen. Als Vorbereitung habe ich zuerst mit der App Duolingo erste Vokabeln gelernt und mich als Gasthörerin in Portugiesischvorlesungen der Romanistik und der Wirtschaftsuniversität gesetzt.

Verstanden habe ich von den Grammatikübungen und dem Wirtschaftsvokabular so gut wie nichts, aber aller Anfang ist schwer, man muss den Ohren einfach Zeit geben, sich an die neue Sprachmelodie zu gewöhnen. An meinem allerersten Tag an der UFRN (Universidade de Rio Grande de Norte) konnte ich mich in brüchigem Portugiesisch vorstellen, worauf mich der neue Bachelorjahrgang gleich ins Herz schloss und mir die wenigen Studenten, die ein kleines bisschen Englisch konnten, ihre Hilfe anboten. “Oi, meu nome é Magdalena, sou austriaca e tenho 24 anos. Eu falo só um pouco português!” Unterstützung bekam ich auch von meinem Exchange-Buddy Isaac Campos, den mir die UFRN zuteilte. =)

Über den Unterricht

Prof. Haderspeck
Prof. Haderspeck mit Magdalena

Der Unterricht war in allen Fächern ausschließlich auf Portugiesisch. Prof. Robson Haderspeck (links), die Kontaktperson zur Theaterabteilung der Kunstuniversität in Natal – Lehrveranstaltung “Spiel und Szene”, Prof. Mayra Montenegro – “vokaler Ausdruck” und Prof. Heather Jennings – “Music and Performance”, sprechen allerdings Englisch und übersetzten mir die wichtigsten Dinge, wenn wieder ein großes Fragezeichen in meinem Gesicht stand.

In den restlichen fünf Fächern (Körperlicher Ausdruck, Moderner Tanz, Populärer Tanz, Singen für den Schauspieler, Spezielle Tanzformen) musste ich mich zu Beginn mit Zeichensprache durchschlagen. Ich verstand natürlich immer nur einen Bruchteil des Gesagten und war schon nach kurzer Zeit erschöpft, weil mein Gehirn ständig auf Hochtouren arbeitete. Beim Tanz spricht aber zum Glück hauptsächlich der Körper und Musik ist ohnehin eine Sprache, die auf der ganzen Welt gesprochen wird.

Nach drei Monaten ging mir sprachlich der “Knopf” auf, ich konnte dem Unterricht immer besser folgen, einfache Unterhaltungen führen und mich alleine durchfragen. Ich durfte, so wie alle anderen Studenten, Referate halten, im Unterricht mitschreiben, schriftliche Reflexionen abgeben, Choreographien mit anderen Kollegen entwickeln, den Unterricht anleiten und Prüfungen schreiben. Kurz gesagt: Mir wurde nichts geschenkt, aber da ich die erste Rhythmik-Austauschstudentin in Natal war, wurde ich von allen Seiten unterstützt.

Meine Expeditionen

Sagi
Foto: Well Ferreira

Besonders meine Tanzprofessorinnen waren interessiert, mir bei Exkursionen immer einen Platz zu sichern. So kam ich ins Landesinnere nach Sagi, um dort die Tänze und Bräuche eines indigenen Stammes zu lernen; zu einem Folkloretanzfestival nach Pernambucco, wo ich mit anderen Studierenden Coco da Roda unterrichtete; zu einem Improvisationsworkshop, dessen Ergebnis im Kunstturm von Oscar Niemeyer öffentlich aufgeführt wurde und ich bekam von meinen Professorinnen Karten für das Encontro Dansa, ein 6-tägiges Tanzfestival mit Workshops und täglichen Performances. Sie führten mich auch in die Kunst des afro-brasilianischen Kampfsports Capoeira ein, welcher für mich die perfekte Verbindung von Tanz, Musik und Sprache darstellt und den ich weiter praktizieren werde!

Magdalena
Foto: Well Ferreira

Zusätzlich durfte ich zur Eröffnung des neuen Unterrichtsjahres an einer Highschool 500 neue Schüler zu Kreistänzen anleiten. Dies stellte sich unter anderem ebenfalls als sprachliche Herausforderung dar, aber “vai dar certo” – wird schon passen – und so war es auch.

Studienkollegen
Magdalena mit Studienkollegen

Ich war die einzige Austauschstudentin an der Kunstabteilung (DEART) und lernte in meinen acht Lehrveranstaltungen über 100 herzliche, bewegungsfreudige, spontane, immer hungrige, kommunikative, lustige, verrückte und absolut liebenswerte Studenten kennen. Ihre Namen konnte ich mir nur teilweise merken, aber alle kannten Magdalena – Aussprache Madalena – die Österreicherin, die immer mit dem Rad kommt, viel über Zeichensprache kommuniziert und meist bei der Kantine Acai-Eis essend anzutreffen ist.

Fast jedes Mal, wenn ich mich wo vorstellte, hörte ich eines der folgenden Lieder: Madalena – Elis Regina, Madalena foi pro mar – Chico Buarque, oder das bekannte Sambastück Madalena Madalena – Martinho da Vila. Es war fast ein Begrüßungsritual, während ich herzlich umarmt und abgebusselt wurde, natürlich auch ganz selbstverständlich von Professoren, die ich zum ersten Mal traf.

Schnorcheln
Schnorcheln in Sardinenschwärmen

Bei der Wohnungssuche hatte ich sehr großes Glück, da eine ehemalige Professorin/Freundin aus Salzburg mich in einer netten Männer-WG unterbringen konnte. Guilherme, Flavio und Eduardo, ehem. gemeinsame Schulfreunde, benahmen sich wie große Brüder, legten großen Wert darauf, mir ihr Land und ihre Kultur näher zu bringen und nahmen mich selbstverständlich zu ihren Unternehmungen mit.

Karneval
Karneval in Olinda

Wahrscheinlich habe ich in den fünf Monaten, die ich direkt in Natal verbringen durfte, mehr vom Nordosten (Rio Grande de Norte, RN) gesehen wie manche Einheimische. Endlose, menschenleere Strände, unbekannte, süße Früchte, neue Tierarten (Skorpione im Bad!), ungewöhnliche Wanderwege, meterhohe Wasserfälle, Jeeptours über Sanddünen, Schnorcheln in Sardinenschwärmen, Sandboarding, Arca-Delta-Flüge, Surfen, Capoeira… Von den überwältigenden Freiluft Passionsfestspielen in Pernambuco und dem größten Straßenkarneval von Brasilien, den ich in Olinda miterleben durfte, fange ich erst gar nicht an…

Die Schattenseiten von Brasilien

Brasilien bleibt aber Brasilien, das heißt besonders im Norden ist die Bevölkerung arm, der Bildungsstandard niedrig und die Kriminalitätsrate hoch. Ich hatte sechs Monate unglaubliches Glück und möchte kein Erlebnis missen, möchte aber auch nicht verschweigen welche, für mich ungewohnte Einschränkung der Bewegungsfreiheit, man dort zur persönlichen Sicherheit in Kauf nehmen muss.

Studienkollegen

Für die olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro wurden bspw. viele Falvelas “gesäubert” und Schwerverbrecher in den Norden des Landes verfrachtet. Bei meiner Ankunft erfuhr ich vom Direktor der UFRN persönlich, dass eben 40 (!) dieser Schwerverbrecher sich vor zwei Wochen unter dem Gefängnis (auf Sanddünen gebaut) hindurch in die Freiheit geschaufelt hatten und nun für alle, besonders für uns ausländische, optisch auffallende Erasmusstudenten, höchste Vorsicht geboten sei.

Zu Beginn bin ich sogar Rad gefahren, aber da sich die Überfälle zu jeder Tageszeit und auch in gesicherten (Uni-)Gebäuden häuften, nutzte ich lieber täglich Uber(Taxi), um von meinen Kursen nach Hause zu kommen. Nach Sonnenuntergang um 17.30 Uhr ist man also am besten nicht mehr (alleine) unterwegs, die Tage werden dadurch ungewohnt kurz. Ein Feierabendbier, ein Kinobesuch oder mit Freunden Essen zu gehen ist grundsätzlich schon möglich, aber meist haben nur die Erasmusstudenten das nötige Kleingeld und man muss gut im Vorhinein organisieren, wie man nach Hause kommt.

Nachdem alle Theater der Stadt zur Zeit wegen Geldmangel geschlossen sind und die Bars sich im zwielichtigen Hafenviertel befinden, haben sich, bis auf zwei Ausnahmen, meine Abendbeschäftigungen eher auf Aktivitäten beschränkt, die man zu Hause machen kann. Man lädt lieber Freunde zu sich in den Garten, zum Grillen oder auf einen Hängemattenplausch zwischen Palmen unter Sternen ein. Gibt Schlimmeres!

Am Strand
Am Strand

Bis auf den Verlust meiner Uhr und den Raub meines Smartphones ist mir nichts passiert, aber man wird misstrauisch und fühlt sich nur mehr hinter Fenstergittern + Mauern mit Scherben + Stacheldraht + Strom + Kamera + Hunde sicher. So war jedenfalls unser Haus gesichert.

Wie gesagt: Ich sammelte unvergessliche Erfahrungen, begegnete tollen Menschen, bereiste unzählige Städte, lernte Portugiesisch und vertiefte mich in Tanz, Theater und Musik. Es waren spannende, lehrreiche und bereichernde sechs Monate in einem Land, das alleine größer als ganz Europa ist!

Unsicherer regelmäßiger Austausch

PS: Ob ein regelmäßiger Austausch von Studierenden der Universitäten MDW und UFRN in Zukunft stattfinden kann, ist meiner Meinung nach unsicher. Ich habe ein Stipendium des BFW (Bundesministerium für Forschung und Wirtschaft) bekommen, womit ich die Kosten für den Flug, das Visum, die vorgeschriebenen Impfungen und 6 Monate Miete (mtl. 300 Reais= ~ 81,- Euro) decken konnte.

Natal
Natal

Die Lebenserhaltungskosten in Natal sind aber nicht mit Wien vergleichbar, wodurch der Großteil der brasilianischen Studenten auf finanzielle Unterstützung von österreichischer Seite angewiesen sein wird. Durch die unsichere politische Situation gibt es viele Streiks, keine Gelder und dadurch auch selten Stipendien.

Ein weiteres Fragezeichen ist das Niveau des Musikunterrichts, der im dortigen Schulsystem oft einfach gestrichen wird. Für Musikstudenten der MDW sind die Unterrichtsinhalte an der UFRN sehr einfach, daher kann man sich rein aufs sprachliche Lernen konzentrieren. Oder man bietet einfach an, seine Mitstudenten selbst zu unterrichten, wodurch ich auch sehr viel gelernt habe.

Magdalena

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