Albanien: Ein hoffnungsvolles Terrain

Masterclass beim Tirana International Guitar Festival

Es begann vor 12 Jahren beim Internationalen Gitarrenfestival in Liechtenstein: Mein erster Student im Meisterkurs war Admir Doçi aus Tirana, der damals in Zürich studierte. Auch in den folgenden Jahren trafen wir uns gelegentlich in Liechtenstein, zuletzt schickte er mir seine Studierenden – Admir Doçi ist heute Professor an der Universität der Künste in Tirana und Organisator eines  internationalen Gitarrenfestivals, das 2017 seine fünfte Auflage erlebte.

Gitarrenorchester Tirana
Gitarrenorchester Tirana

Die Gitarre in Albanien

Der Studiengang klassische Gitarre an dieser Universität wurde 1997 eröffnet. Mittlerweile unterrichten drei Professoren durchschnittlich 25 Studierende. Den Unterbau bilden fünf Mittelschulen in den größten Städten Albaniens, an denen seit 1985 Gitarrenunterricht angeboten wird.

Admir Doçis Aufbauarbeit trägt Früchte – das Interesse an an der klassischen Gitarre steigt, etliche junge GitarristInnen konnten schon beim Gitarrenwettbewerb im Rahmen des Festivals und auch auswärts reüssieren. Er ist stets bestrebt, renommierte Gitarristen und Lehrer nach Tirana zu bringen, was angesichts der finanziellen Situation des Landes nicht einfach ist. Im Rahmen eines Sonderprojektes von Erasmus+ war es möglich, seiner Einladung zum Gitarrenfestival an der Universität der Künste Folge zu leisten.

Das Tirana International Guitar Festival

Tirana Guitar Festival
Tirana International Guitar Festival

 

So machte ich mich auf den Weg, voller Neugier auf Land, Leute und das dortige Musikleben. Ich unterrichtete mehrere GitarristInnen aus dem Bachelorstudium und auch einige Nachwuchstalente aus dem Kosovo. Bei den von mir betreuten Kammermusikensembles wirkte auch einer der Professoren, Adrian Shahinlli, mit. Mein Vortrag über die Wiener Gitarre im 19. Jhdt. war sehr gut besucht.

Beim Festival unterrichteten auch Hans Werner Huppertz (Aachen), der auch das Gitarrenorchester betreute, sowie Dale Kavanagh und Thomas Kirchhoff (sie bilden zusammen das bekannte Amadeus Guitar Duo), die ein Konzert spielten. Ein weiteres Konzert mit dem Italiener Luciano Pompilio und ein Teilnehmerkonzert mit einer Uraufführung eines Werkes vom deutschen Komponisten Peter Rack durch das Gitarrenorchester folgten.

Das Niveau bei den Studierenden war durchaus respektabel, bei den ganz Jungen sogar exzellent. Erstaunlich für mich war die Tatsache, dass man auch die 12-Jährigen sehr gut auf Englisch unterrichten konnte. Im Gegensatz zur Situation in Österreich spielen kaum Mädchen Gitarre. Musikalische Ausbildung ist natürlich viel schwerer zugänglich als bei uns, wo sie teilweise schon zum Konsumartikel herunterzukommen droht.

Masterclass Stefan Hackl
Masterclass Stefan Hackl

In Albanien ist selbst die billigste Fabriksgitarre schon eine Riesenanschaffung und ein für das Studium taugliches handgemachtes Instrument verlangt der Familie viele Opfer ab. Skurril ist die Geschichte eines der privilegierten Studenten, der seine 4.000-Euro-Gitarre im Auto gelassen hatten und ein paar Tage später am Schwarzmarkt gefunden und für umgerechnet 50 Euro wieder gekauft hatte…

Rahmenbedingungen

Naturgemäß ist die Infrastruktur an der Universität nicht mit der unsrigen vergleichbar, aber man ist bestrebt, aufzuholen. Für mich hatte man alles Nötige bereitgestellt – Beamer und Tonanlage für den Vortrag sowie eine Gitarre des griechischen Meisters Giannis Seintoulas für den Unterricht (dieses Instrument wurde als Hauptpreis des Wettbewerbs gestiftet).

Vortrag Stefan Hackl
Vortrag von Stefan Hackl

Die Unterkunft im Hotel Xheko Imperial und das Essen auf der Dachterrasse des Hotelrestaurants waren sehr gut und preiswert, die Organisation des Festivals perfekt.

Land und Leute

Der einzige Wermutstropfen bei meinem Aufenthalt: Mir blieb zu wenig Zeit für das Land. Um das hinsichtlich Kultur und Natur interessantere Hinterland zu erkunden, müsste man ein oder zwei Tage anhängen. Mein Kollege Hans Werner Huppertz von der Musikhochschule Köln/Aachen hat das auch gemacht und sich von den Studierenden durch die Gegend führen lassen. Ich habe nur die nähere Umgebung der Hauptstadt und den Park gesehen.

Tirana Uni
Blick von der Universität Tirana auf die Universität der Künste

Das Regierungsviertel bietet hauptsächlich Bauten aus der Mussolini-Zeit und aus der Ära der Kommunisten, kaum ältere historische Bausubstanz (die Stadt stammt im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert). In den Schaufenstern sieht man hauptsächlich westliche Artikel, die Suche nach einem landestypischen Mitbringsel war schwierig (diverser Kitsch mit dem Konterfei von Enver Hoxha oder Mutter Teresa). Ich war allerdings genauso überfordert mit einem Mitbringsel aus Österreich. Schließlich habe ich am Flughafen eine Dose Mozartkugeln gekauft, die ich dann den Teilnehmern der Masterclass als österreichische Speedpills verabreicht habe.

Austrian speed pills
Austrian speed pills

Ausblick

Zu berichten wäre noch von einem netten Gespräch mit dem Erasmus-Koordinator Prof. Pjeter Guralumi, der selbst in Wien studiert hatte (Violoncello bei Valentin Erben). Er bekundete großes Interesse an weiterer Kooperation zwischen der Universität der Künste in Tirana und der mdw.

Dies wäre auch im Sinne von Dr. Ardian Ahmedaja, einem aus Albanien stammenden und an der mdw wirkenden Musikethnologen. Mit ihm habe ich bereits Kontakt aufgenommen und über mögliche Projekte gesprochen. Ich würde jedenfalls gerne noch einmal in Tirana unterrichten und mehr über Albanien erfahren.

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