An der Grieg-Akademie der Universität Bergen in Norwegen

Zu Besuch in der regenreichsten Stadt Europas

Bergen gilt als die regenreichste Stadt Europas, aber bei meinen früheren Besuchen schien oft die Sonne. Diesmal war es anders, und trotzdem war ich gern wieder per Erasmus in der Grieg-Akademie der Universität Bergen.

Blick auf Bergen
Blick auf die Stadt

Im Oktober 2019 war ich mit Erasmus an der Grieg-Akademie der Universität Bergen. Ich bin Musikwissenschaftlerin und lehre an der mdw musikalische Analyse für die Studiengänge Komposition, Dirigieren und Musiktheorie mit dem Ziel, das Stilempfinden zu schärfen – etwa für Mozarts “widerwärtige Styllosigkeit” oder die “Anarchie” in Schuberts Harmonik –  und bewusst zu machen, welche Mentalitäten oder sozialen Verhältnisse musikalische Strukturen und Formen reflektieren, wie Interpretationstraditionen entstehen oder z.B. für politische Zwecke missbraucht werden können.

marie-agnes dittrich
TeilnehmerInnen des Workshops “Grieg Now!”

Im Oktober 2019 unterrichtete ich bei Ingrid Geuens, Musiktheoretikerin an der Grieg-Akademie, in ihren Kontrapunkt- und Harmonielehre-Klassen für KomponistInnen und InstrumentalistInnen.

marie-agnes dittrich
mit Arnulf Christian Mattes, Leiter des Centre for Grieg Research und Marita Moltu, Vize-Bürgermeisterin von Bergen (rechts)

Im Harmonielehre-Unterricht haben wir besprochen, wie dasselbe Material (z.B. eine bestimmte Akkordfolge) je nach formalem Kontext völlig unterschiedliche Wirkungen erzeugen kann, und beim Kontrapunkt ging es um Regeln und warum man sie bricht – Mozart z.B. komponiert im 3. Satz der Sonate für Klavier zu vier Händen (KV 497) scheinbare Verspieler. Das gibt Anlass zu interessanten Gesprächen: sollten InterpretInnen diese Fehler mit Blicken oder Gesten verdeutlichen, vor oder nach dem Spiel erläutern oder riskieren, dass die ZuhörerInnen glauben, sie hätten schlecht gespielt?

Grieg-Akademie
Die Grieg-Akademie ist ganz in der Nähe

Als Bonus konnte ich anlässlich einer Konferenz und eines Workshops “Grieg Now!” mit KollegInnen über methodische und didaktische Probleme nachdenken. Es ging (u.a.) um die Frage, wie sich Griegs Kompositionen, die lebendige Musikpraxis und ihre Überlieferung zueinander verhalten. Während man früher an eine fast unmittelbare Ineinssetzung zwischen der norwegischen Volksmusik und Griegs Kompositionen glaubte oder glauben wollte, sieht man heute, wie komplex die Vermittlungsschritte waren:

Man bedenke etwa die Schwierigkeiten bei der Verschriftlichung der Musizier- und Tanzpraxis, der Anpassung von Melodien für die Hardangerfiedel, die nicht gleichschwebend temperiert war, an das Klavier oder dass es keine ungebrochene Volksmusik-Tradition geben konnte, weil das Interesse daran Moden unterworfen war, und dass ohnehin jedes Fixieren einer angeblichen Tradition der Tatsache widerspricht, dass MusikerInnen ihr Spiel selbstverständlich immer der aktuellen Situation anpassen.

Die Diskussionen zur Konstruktion von musikalischer “Authentizität” im oft eher nationalpolitischen als musikalischen Interesse waren für mich sehr anregend. Für intensivere Gespräche zur Modalität in der Grieg-Analyse danke ich vor allem Ingrid Geuens, und es hat mich besonders gefreut, Kofi Agawu (jetzt CUNY, zuvor Princeton), dessen Publikationen ich schon lange bewundere, persönlich begegnen zu dürfen.

Hafen und Hanse-Häuser
Hafen und Hanse-Häuser

Zwischendurch gab es auch Gelegenheiten zu Spaziergängen. Vom Hafen aus erreicht man mit einer Bahn leicht eine Anhöhe mit wunderbarem Blick auf die Stadt mit ihren Fjorden vor der Nordsee am Horizont, und die Altstadt ist nicht nur wegen der berühmten Hanse-Häuser am Hafen reizvoll, sondern auch, weil man sich immer wieder über hübsche große, kleine und ganz winzige Häuser freuen kann.

Der Weg nach Bergen ist unproblematisch. Zwar hoffe ich, dass man irgendwann einmal mit dem Zug anreisen kann (die Strecke Oslo-Bergen soll eine der schönsten der Welt sein), aber noch reicht die Reisezeit nur fürs Fliegen. Man steigt in Oslo oder Kopenhagen um und nimmt dann den Flybus, den man online buchen kann, direkt ins Zentrum. Die Grieg-Akademie kooperiert mit einem Hotel (Park), das so edel und gemütlich eingerichtet ist, dass man sich nicht nur bei Regen gern dort aufhält – Bergen gilt als die regenreichste Stadt Europas, und folglich kann man dort elegante Regenkleidung kaufen. Aber bei den meisten meiner früheren Besuche hatte ich Glück, und diesmal waren immerhin Regen- und Unterrichtspausen so gut koordiniert, dass ich schöne Spaziergänge machen konnte.

Das allerkleinste Haus
Das allerkleinste Haus

Vom Hafen aus erreicht man mit einer Bahn leicht eine Anhöhe mit Wanderwegen und wunderbarem Blick auf die Stadt mit ihren Fjorden vor der Nordsee am Horizont. Die Altstadt ist nicht nur wegen der berühmten Hanse-Häuser am Hafen reizvoll, sondern auch, weil man sich immer wieder über hübsche kleine und ganz winzige Häuser freuen kann. Außerdem hat Bergen schöne Museen, z.B. eine Gemäldegalerie mit Schwerpunkt im 19. Jh. und eine stadtgeschichtliche Abteilung, in der Ole Bulls Flügel zu besichtigen ist, und ich konnte eine Sonderausstellung über Munch besuchen.

Ole Bulls Flügel
Ole Bulls Flügel

Und für abends gibt es gute Restaurants und Sushi-Bars, die Fisch und Muscheln von einer Qualität bieten, die man sich in Wien erträumt, und das Angebot in der Fischmarkthalle am Hafen lässt mich die beneiden, die in Bergen über eine Küche verfügen. Zu einem Besuch im Grieg-Museum Troldhaugen hat die Zeit leider noch nicht gereicht.

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