Austauschstudium an der Taipei National University of the Arts

Nach meinem 12-jährigen Aufenthalt in Wien und einer lange Studienzeit an der mdw habe ich mich entschlossen, nach Taiwan, in das Heimatland meines Mannes, zu übersiedeln. Und letztes Jahr in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans, hatte ich die Gelegenheit, für ein Jahr als Austauschstudentin an der Taipei University of the Arts (TNUA) zu studieren.

Auf die taiwanesische Kultur war ich natürlich neugierig, aber am meisten wollte ich wissen, wie die Musiker, deren musikalische Ausbildung und Arbeitsfeld sich von Wien bzw. von meinem Heimatland Japan unterscheideten. Und darum ist dieses Austauschprogramm ein wichtiges Erlebnis für mich geworden.

Über Taiwan

Taiwan ist eine Insel mit subtropischem (Nordtaiwan) und tropischem (Südtaiwan) Klima, das im westlichen Pazifik, südwestlich von Japan und nördlich von den Philippinen liegt. Manche Europäer verwechseln Taiwan mit Thailand, vielleicht wegen der Aussprache. Aber was man sich oft über das Urlaubsland Thailand vorstellt, zum Beispiel das sommerliche Wetter über 25 Grad das ganze Jahr hindurch, gibt es hier in Taiwan nicht. Der Sommer hier ist zwar schon recht heiß und schwül, aber im Winter ist es dennoch so kalt, dass man Wintermantel und Schal braucht.

Taipei National Concert Hall
Taipei National Concert Hall
Jiufen
In Jiufen, eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in New Taipei City

Schnee ist für die Taiwanesen aber etwas ganz Besonderes. 2016 hat es in der Stadt Taipeh angeblich das erste Mal seit 60 Jahren geschneit, viele Leute waren ganz aufgeregt. Viele sind auf die Berge gefahren, um den Schnee (für manche der erste Schnee in ihrem Leben) zu erleben und ihn in die Hand zu nehmen.

Taipei National University of the Arts

Die Taipei National University of Arts (TNUA) liegt nördlich von Taipeh, fast an der Grenze zur New Taipei City. Auf einer riesigen grünen Fläche auf einem Hügel steht die Universität, die letztes Jahr ihr 35-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Für eine Kunstuniversität ist der Ort ideal, da er weit entfernt von dem Stadtverkehr, dem Lärm und der Hektik liegt. Viele Tiere wohnen mitten am Unicampus, wie Wasserbuffalos, wunderschöne bunte Vögel, die man direkt im Vogellexikon nachschlagen möchte.

Unicampus
Unicampus

Viele Hunde sind nicht nur draußen, sondern auch innerhalb der Gebäude zu sehen. Der Studentenverein kümmert sich liebevoll um sie. Manchmal tauchen auch giftige Schlangen, Frösche und Schildkröten auf. Am Wochenende und an Feiertagen kommen viele Touristen und Familien mit kleinen Kindern, um die Tiere zu besuchen.

Unibuffalos
Unibuffalos

An dieser Uni gibt es zahlreiche Studienmöglichkeiten im Bereich Klassische Musik, traditionelle chinesische Musik, Tanz, Schauspiel und Film. Zahlreiche AbsolventInnen dieser Uni starten ihre Karriere auf internationalen Bühnen.

Während des Austauschprogramms habe ich hauptsächlich an Vorlesungen im Masterstudium Gesang teilgenommen. Da sich das Studium um die klassische Musik dreht, ähneln sich die Studieninhalte in asiatischen Musikunis großteils, vergleichbar wie unter den Europäischen Musikunis. Zusätzlich gibt es natürlich länderspezifische Lehrveranstaltungen wie die “Geschichte der taiwanesischen Musik” oder die  “Interpretation chinesischer Musik” usw.

Unicampus
Unicampus

Ich habe vor diesem Austauschprogramm sechs Monate lang einen chinesischen Sprachkurs besucht. Aber dennoch war mein Chinesisch leider viel zu schlecht, um den Inhalt des Unterrichts und der Vorlesungen wirklich zu verstehen. Daher konnte ich nur erahnen, was gesprochen wurde. Mit einer Mischung aus Neugier und Einsamkeit bin ich am Anfang in den Vorlesungen gesessen. Es gibt in jedem Studienzweig ausländische Studierende bzw AustauschstudentInnen. Von der Anzahl der AusländerInnen her sind es aber wesentlich weniger als an der mdw. Der Großteil stammt aus Ländern wie Malaysien, Hong Kong, Macao usw, die Chinesisch schon fast wie ihre Muttersprache beherrschen. Einige meiner Professoren und Studierenden waren regelrecht erstaunt darüber, dass jemand wie ich, der kaum Chinesisch sprach, zur Musikabteilung kam.

Unicampus
Unicampus

Aber meine StudienkollegInnen waren sehr nett und es gab unter ihnen immer jemanden, der auf Englisch, Deutsch und manchmal auch auf Japanisch übersetzt und mir so geholfen hat. Neben diesen Sprachen konnten wir uns manchmal nur mit Gesten, Mimik oder auch mit Musik verständigen – wir haben wirklich allerhand Methoden angewandt, um Meinungen auszutauschen!

Auch die Professoren kamen mir zum Glück entgegen und erlaubten mir, die Referate und schriftlichen Arbeiten auf Englisch bzw. auf Deutsch zu schreiben. Mein Hauptfachprofessor in Gesang hatte früher ein Gesangsstudium in Deutschland abgeschlossen, daher hatte ich riesiges Glück, dass er mich wenn nötig auf Deutsch unterstützen konnte.  Das war eine Erleichterung für mich, denn es war nicht so einfach, mich plötzlich auf ein neues fremdes Land mit unbekannter Sprache, Kultur und Gewohnheiten umzustellen.

Auf dieser Uni, aber auch an den anderen Musikunis in Taiwan, fiel mir interessanterweise auf, dass stärkere Einflüsse von Musikuniversitäten aus den USA gibt. Das war vor allem in Form der Abschlussprüfungen, aber auch in der Gestaltung der Vorlesungen zu sehen.

Die Studierenden im Masterstudium schließen ihre Prüfungen in Form eines öffentlichen Konzerts im Konzertsaal der Universität mit 500 Plätzen ab. Zusätzlich zum Abschlusskonzert besteht die Prüfung aus einem “Lecture Concert” über den Inhalt der Masterarbeit. Die in der Arbeit thematisierten Werke werden in einem Vortrag vorgestellt und gleich gespielt bzw. gesungen. Diese Form der Prüfung kenne ich von österreichischen Musikunis nicht, sehr wohl aber von amerikanischen Universitäten.

Die Vorlesungen, die ich besucht habe, waren quasi eine Übung für dieses “Lecture Concert”. In Vorlesungen wie zum Beispiel “Interpretation der chinesischen Gesangsliteratur”, “Interpretation der deutschen Kunstlieder” oder “Interpretation der englischsprachigen Lieder” hält jeder ein Referat zu den selbst ausgewählten Werken. Diese Werke werden zuvor einstudiert und beim Referat direkt vorgesungen.

Abschlusskonzerten
Plakate mit Abschlusskonzerten an der Uni während der Prüfungszeit

Das Abschlusskonzert der Prüfung läuft ebenfalls anders als an der mdw ab, so als würde man selbst ein eigenes Konzert außerhalb der Universität veranstalten. Man kümmert sich um die Saalreservierung, das Künstlerfoto für das Plakat, entwirft die Programme und Einladungskarten gibt sie in den Druck. Das Programmheft beinhaltet die selbst wörtlich übersetzten Lied- und Arientexte. Am Tag des Konzertes braucht man MithelferInnen für die Rezeption, mindestens einen Billeteur, einen Fotografen, einen Tonmeister für die Videoaufnahme, jemanden, der sich um die Beleuchtung beim Konzert kümmert und jemanden, der die Essen und Getränke für die Gäste vorbereitet. Ganz schön viel organisatorische Arbeit!

Schon bei den regulären Klassenabenden am Ende jedes Semester werden diese Organisationsfähigkeiten geübt und Erfahrungen gesammelt. Wenn der Professor den Termin für den Klassenabend bestimmt, teilen sich die Studierenden die organisatorische Arbeit auf. Studierende aus jüngeren Studienjahrgängen übernehmen etwas mehr Aufgaben und bereiten die Plakate, Programme und die “Bientang” (Abendessenbox) für alle Mitwirkende und die Professoren vor.

Als ich zum ersten Mal sah, wie eigenverantwortlich die Studierenden für den Klassenabend arbeiteten, war ich sehr erstaunt. Das hatte ich von meiner Studienzeit in Wien ganz anders in Erinnerung. Bei Klassenabenden und Konzerten an der mdw haben grundsätzlich die Professoren die organisatorische Arbeit für uns Studierende übernommen und wir waren meistens nur mit der Aufführung beschäftigt.

Einerseits war ich dankbar für die Hilfsbereitschaft der Professoren und InstitutssekretärInnen an der mdw, die uns ermöglichten, uns ausschließlich aufs Musizieren konzentrieren zu können. Andererseits fand ich die Vorgehensweise an der TNUA ebenfalls sehr interessant und lehrreich, auf welche Art das grundlegende Know-how der Konzertorganisation direkt im Studium integriert ist.

Beim Klassenabend
Beim Klassenabend

Unter meinen Vorlesungen gab es eine, die für mich besonders herausfordernd, aber auch sehr spannend war. Sie hieß “Interpretationen von chinesischer Gesangsliteratur”. Die Amtssprache von Taiwan ist Chinesisch (auch Mandarin benannt), daneben gibt es noch Taiwanesisch, Hakka und noch zahlreiche weitere Sprachen. In der U-Bahn werden die Stationen immer auf vier Sprachen angesagt, in der Reihenfolge Chinesisch, Taiwanesisch, Hakka und Englisch.

Jedenfalls wird in dieser Vorlesung Gesangsliteratur dieser unterschiedlichen Sprachen und Dialekte behandelt. Die Aufgabe von uns Studierenden war es, jede Woche ein neues Lied vorzusingen. Für mich war es bewundernswert, wie die Studierenden das Singen in all diesen verschiedenen Sprachen beherrschten, obwohl kaum jemand mit all diesen Sprachen vertraut war. Die Sprachen klingen wirklich sehr unterschiedlich, sodass ich kaum glauben kann, dass sie alle auf dieser Insel gesprochen werden.

Maki in Jiufen
Maki in Jiufen

Spannend war aber nicht nur das Lernen der Gesangsliteratur in meiner neuen Sprache Chinesisch. Interessanterweise hatte ich während dieses Austauschprogramms wie nie zuvor Lust auf das deutschsprachige Repertoire. In Folge dessen habe ich mich intensiv damit beschäftigt. Ich weiß nicht, ob diese Lust wegen meiner Sehnsucht nach Wien aufkam, aber ich entdeckte in mir ganz neue Aspekte und Gedankengänge, die ich früher in Wien nicht hatte. Erst nachdem ich Wien verlassen hatte und zu einer fremden Universität mit anderen Menschen und anderer Kultur kam, fand ich einen neuen Zugang zum deutschsprachigen Repertoire. Das war eine unerwartete Überraschung.

Letztendlich war mein Austauschprogramm an der Taipei National University of the Arts für mich ein Abenteuer mit vielen interessanten Erlebnissen. Durch die neuartige Musik und die netten Leuten auf der Universität lernte ich eine Welt kennen, die ich bislang nicht gekannt hatte. Und gleichzeitig war das Auslandsjahr ein guter Anlass, an meine Zeit an der mdw zurückzublicken und das Gelernte in meinem neuen Leben in Taiwan zu reflektieren.

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