Per Fulbright an die mdw

Wien ist für einen Musiker wie Disneyland für ein Kind

Das war noch nie so wahr wie für diese junge Sopranistin, die frisch aus den USA kommt. Mein Name ist Theodora Nestorova und ich bin 2018/19 eine Fulbright Stipendiatin an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Ich studiere als Masterstudentin Lied und Oratorium bei Martin Vácha und Anton Scharinger.

oberlin college
Mai 2018: Oberlin College & Conservatory Abschlusszeremonie

Mit meinem Fulbright Studien- und Forschungsstipendium forsche ich auch in den Bereichen Gesangswissenschaft sowie Gesangspädagogik bei Dr. Christian Herbst und Dr. Ian Howell. 2018 habe ich das Bachelorstudium in Gesang und Musikwissenschaft am Oberlin College & Conservatory of
Music in Ohio, USA abgeschlossen, aber meine Familie wohnt in Boston. Meine Lebensgeschichte ist kompliziert; ich bin auch Bulgarin, aber ich bin in Großbritannien geboren… lassen wir das für ein anderes Mal☺

Mein Fulbright-Projekt für dieses Studienjahr 2018/19 (es trägt den Titel “Moderne österreichische Gesangspädagogik im globalen Kontext”) besteht aus drei Teilen – erstens, dem Studium an der mdw; zweitens, der Recherche (mit einem kleinen Projekt, das eine Arbeit akustisch für einen breiteren Vergleich analysiert); und drittens, dem Üben (proben, spielen, alles, was mit dem praktischen Element des Singens zu tun hat)!

Jänner 2019: mit anderen Austauschstudenten am Ball der Wissenschaften

Studium

Ich belege verschiedene Kurse am Institut für Gesang und Musiktheater und am Antonio Salieri Institut für Gesang und Stimmforschung in der Musikpädagogik an der mdw. Was mir als erstes beim Lehrplan auffiel, war die Aufmerksamkeit, die dem Körperbewusstsein und der Gesundheit gewidmet wird. Einer der Kurse, “Atem- und Körperschulung”, ist für alle vier Jahre des Bachelor-Studiums Pflicht. Es ist ein Bewegungstraining für SängerInnen, die mit ihrem Körper üben, mit ihm in Kontakt treten und ihn, der eigentlich unser Instrument ist, kennen lernen. Am Samstag, dem 13. Oktober 2018, besuchte ich das “10.

Gesangspädagogische Symposium” des Antonio Salieri Instituts für Gesang und Stimmforschung in der Musikpädagogik mit vielen Vorträgen und Workshops, darunter Feldenkrais-Körperarbeit, aber auch “Die Kunst des Hörens nach François Louche”. Das ist eine neue Technik für Körper und Musik, von der ich zum ersten Mal erfahren habe!

Ich finde auch, dass der Gesangslehrplan sehr praxisorientiert und praktisch ist. Die akademischen Kurse sind auch nützlich, aber die Möglichkeiten, praktische Kurse zu belegen, sind so hilfreich für Musiker. Im Wintersemester habe ich auch “Auditioning” bei Sebastian Schwarz belegt und es war eine wirklich nützliche Erfahrung. Dieses Sommersemester belege ich außer meinen regulären Kursen (inklusive Didaktik 1 und 2 bei Dr. Elke Nagl) “Respiro e Movimento” bei Giuseppe Ravì, “Karriere-Mentoring” bei Margit Klaushofer, “Feldenkrais – Bewusstheit durch Bewegung” bei Adrian Cox am Institut für Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik sowie Musikphysiologie, und “Naturwissenschaftliche Grundlagen der Klangforschung” bei Vasileios Chatziioannou am Institut für musikalische Akustik – Wiener Klangstil (IWK).

Forschung

Ich interessiere mich sehr dafür, die verschiedenen nationalen Schulen der Stimmbildung zu untersuchen. Mein Fulbright-Projekt umfasst unter der Anleitung von Dr. Christian Herbst und Dr. Ian Howell auch die Erforschung der stimmpädagogischen Methoden der österreichischen Gesangsschule. Außerdem untersuchte ich, ob durch die Konvergenz der nationalen Stimmverfahren nationale Identitätsmerkmale erhalten werden können und welche Rolle Technologie in diesem Prozess spielt.

Während der Semesterferien im Februar habe ich neben dem regelmäßigen Üben und Proben Forschungsfortschritte in meinem Teil des Forschungsprojekts erzielt, viele Stunden in verschiedenen Wiener Bibliotheken verbracht, bis ich das zentrale Operettenstück meines Forschungsprojekts “Im weißen Rössl” gefunden habe. Unter Anleitung meiner Berater werde ich diese Aufnahmen akustisch analysieren, bestimmte Variablen steuern und bewerten.

Die daraus resultierenden Ergebnisse werden meine Haupthypothese entweder bestätigen oder widerlegen und zu meiner allgemeinen Forschungsfrage beitragen, in der der Einfluss historischer und kultureller Unterschiede auf die Stilvokalität (und ihre entsprechende pädagogische Methodologie) untersucht wird, die sich im Laufe der Zeit ergeben, insbesondere in unserer modernen, globalisierten Welt.

Ein Teil dieses Projekts ist also, viel Erfahrung zu sammeln und sich mit allem zu beschäftigen, was Wien musikalisch und pädagogisch zu bieten hat.

Oktober 2018: Bei der “Bibliosphäre: Die Kugel der Zeit” im Rahmen des Festival Wien Modern an der mdw

Singen

Ich bin so dankbar, dass ich in diesem Jahr so wertvolle Erfahrungen in verschiedenen Bereichen sammeln konnte. Ende Oktober habe ich bei “Bibliosphäre: Die Kugel der Zeit”, einer mdw-Produktion im Rahmen des Festivals Wien Modern, mitgewirkt. Es war eine sehr interessante Veranstaltung, bei der Maestro Marino Formenti mit zahlreichen Studierenden den Lesesaal der mdw-Bibliothek in ein achtstündiges Hörerlebnis verwandelte, bei dem Musik aus mehreren Jahrhunderten präsentiert wurde. Ich war so glücklich, dass ich am Anton-von-Webern-Platz zusammen mit herrlichen KollegInnen auftreten und InstrumentalistInnen treffen konnte (da das Institut für Gesang und Musiktheater in Penzing ist, gibt es dort nicht so viele
“Kreuzkontaminationen”).

Dezember 2018: als Gretel in “Hänsel und Gretel” im Schlosstheater Schönbrunn.
Dezember 2018: Meisterkurs bei Krassimira Stoyanova

Im Dezember hatte ich in eine Woche lang fast jeden frühen Morgen das unglaubliche Erlebnis, als Gretel in Humperdincks “Hänsel und Gretel” aufzutreten. Diese Vorstellungen für Grundschulkinder im Schlosstheater Schönbrunn, manchmal zwei an einem Tag, waren einer der Höhepunkte des Wintersemesters. Danach wurde ich ausgewählt, an einer Meisterklasse mit der bulgarischen Sopranistin Krassimira Stoyanova teilzunehmen, und es war auch eine äußerst erfreuliche Erfahrung, die nahe an meinem bulgarischen Herzen lag! Es war wirklich ein Traum, mit einer Sängerin ihres Kalibers zu arbeiten; vor allem einer, die technisch ausgefeilt ist und die Stimme als Instrument und Seele versteht.

Dezember 2018: Klassenabend meines Lied- und Oratorium-Professors Anton Scharinger.

Dann kam die Saison von Klassenabenden, eine sehr aufregende und magische Zeit! Ich sang im Dezember beim Klassenabend meines Lied- und Oratorium-Professors Anton Scharinger (wo ich eine Arie von G. F. Händel und Lieder von Z. von Zemlinsky gesungen habe) und im Jänner beim Klassenabend meines Gesangsprofessors Martin Vácha (in dem ich eine Arie von C. M. von Weber, ein Duett von F. Lehár und ein Lied von S. Sondheim gesungen habe).

Jänner 2019: Klassenabend meines Gesangsprofessors Martin Vácha

Ich wurde von der Fulbright Austria-Kommission für das Fulbright Berlin Seminar im März ausgewählt, wo ich Schubert-Lieder und andere Arien in einem Konzert singen werde. Ich freue mich auch darauf, bei Projekten Regiestudierender im März als Noémie in J. Massenets “Cendrillon” sowie im Juni als Clorinda in G. Rossinis “La Cenerentola” aufzutreten. Es ist eine großartige Erfahrung, in zwei verschiedenen Inszenierungen derselben Geschichte in zwei verschiedenen Opern mit zwei verschiedenen Sprachen dieselbe Rolle zu spielen.

Für April bereite ich ein Konzert mit ausgewählten Arien und Ensembles aus Oratorien einschließlich Bachs “Matthäus-Passion” mit der Webern Kammerphilharmonie unter Erwin Ortner vor, das im Schlosstheater Schönbrunn stattfinden wird. Ich werde auch im Bulgarischen Nationalen Radio osteuropäische Werke aufnehmen (wobei ein deutscher Liedzyklus von einem bulgarischen Komponisten uraufgeführt wird). Im Mai singe ich dann wieder in den Klassenabenden meiner beiden Professoren. Dafür ich habe ein schönes Repertoire und bin schon aufgeregt auf die Gelegenheit, mit wunderbaren Pianisten (István Mátyás, Pantelis Polychronidas und Nina Violetta Aichner) zusammen zu arbeiten. Schließlich findet Anfang Mai im Rahmen des Fulbright-Programms ein Seminar in Strobl, Österreich statt, wo ich zusammen mit meinen Fulbright-Musikerkollegen auftreten und meine Arbeit präsentieren werde.

Alles das ist Kultur

Wien ist wirklich zauberhaft, sowohl für Touristen (mit den Weihnachtsmärkten und den Bällen) als auch für Musiker; es gibt so viele wunderbare musikalische Ereignisse, die ständig in und um Wien stattfinden. Die schiere Anzahl von Musikorganisationen von Weltklasse (Wiener Staatsoper, Theater an der Wien, Volksoper, Wiener Philharmoniker, Musikverein, Wiener Konzerthaus und SO viel mehr)… ist überwältigend und bieten viel Kunst auf höchstem Niveau. Einer der Höhepunkte der vielen musikalischen Veranstaltungen, an denen ich bisher teilgenommen habe, war es, die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato als Didon in Berlioz’ “Les Troyens” an der Wiener Staatsoper zu sehen.

Joyce DiDonato
Oktober 2018: An der Bühnentür der Wiener Staatsoper mit Joyce DiDonato nach “Les Troyens”

Sie war so liebenswürdig auf und außerhalb der Bühne – meine Freundin und ich hatten die Gelegenheit, nach der Vorstellung mit ihr zu sprechen. Sie teilte Perlen der Weisheit, signierte mein Plakat und sagte: “Leg es in deinem zukünftigen Unterrichtszimmer auf”. Ganz zu schweigen davon, dass ihre Gesangstechnik eine Lektion in Sachen Vokal-Tracking / Formant-Tuning und natürliche Quellfilter-Kopplungsstrategien im realen Kontext einer Oper war; alles inspiriert von ihrer nachdenklichen Art und Ausdruckskraft.

Österreich A4 = 443 Hz, USA A4 = 440 Hz

Ein herrliches Stiegenhaus

Ich finde, dass es ein besonders geeignetes symbolhaftes Fazit für die erste Hälfte meines Fulbright-Jahres in Wien an der mdw gibt… und zwar: in Österreich A4 = 443 Hz, während für die USA A4=440 Hz gilt. Sie würden es nicht vermuten, aber diese 3 Hertz machen wirklich einen Unterschied!

Sobald ich in Österreich ankam und in die Übungsräume der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien ging, wunderte ich mich immer wieder, warum sich alles höher, stärker und energischer anfühlte, bis ich eines Tages in den Klavierrahmen schaute und voilà – alles ergab plötzlich einen Sinn!

Wer Lust bekommen hat, meine Abenteuer weiter zu verfolgen:

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