Upside down

Ein ereignisreiches Jahr in Kopenhagen und online

Die letzten Monate waren für alle Menschen eine große Herausforderung. Das Coronavirus  Covid-19 hat einige Verwirrung gestiftet, Panik ausgelöst und unsere Handlungsfähigkeit in Zeiten der Planlosigkeit getestet. Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Flüge eingestellt, Unterricht wurde online abgehalten und Auslandsaufenthalte wurden abgebrochen. Ich beschloss kurz nach Beginn meines zweiten Semesters in Dänemark nach Österreich zurückzukehren und das Semester online abzuschließen. Trotz eines abrupten Endes vor Ort, auf das ich noch sentimental zurückblicke, kommen immer mehr schöne Erinnerungen aus dem Semester zurück und diese möchte ich nun mit euch Leser_innen teilen.

Kopenhagen: Was für eine Stadt „easy to live in“

Seit Längerem war es ein Wunsch von mir für einige Zeit in den Norden zu gehen, Progressivität in Kultur und Politik zu erleben, mehr Gleichstellung zwischen den Geschlechtern im Alltag zu sehen und den nordischen Sommer zu fühlen.

Im August 2019 startete mein Abenteuer. Lange, warme, sonnige Tage in Kopenhagen: ein guter Start. Ich hatte Glück und bekam einen der begehrten Kollegiet-(Wohnheim)-Plätze: Ein Mini-Apartment mit Zimmer, Küche und Bad, zehn Minuten mit dem Rad zum Konservatorium im Stadtteil Holmen. Die tägliche Strecke führte mich durch die „Freistadt“ Christiania – abseits vom Touristenzentrum. Die Freistadt ist ein Erlebnis, insbesondere an jenen Flecken, wo die „locals“ leben und kein Tourismus zu Gange ist. Die Häuser sind bunt, abenteuerlich gebaut und die Menschen bewahren viele Dinge in ihrem Garten auf. Es ist chaotisch, aber liebevoll. Um in Christiania leben zu können, muss man im Idealfall zur Community gehören und muss „hinein“ gewählt werden. Ganz frei ist Christiania nicht, denn sie benützen Infrastruktur der Stadt Kopenhagen und die Bewohner_innen müssen sich auch an die allgemeinen Regeln halten. Die Radfahrt durch den bunten Lebensraum mit seinem vielen Grün, dem Kanal und den Brücken war jedenfalls eine tägliche Dosis Inspiration. Mit dem Rad war ich außerdem in 15 Minuten am Strand: Ein Ort, der sowohl im Sommer als auch im Winter einzigartig schön ist und insbesondere für mich, als Österreicherin, ein besonderes Erlebnis. Gleichzeitig war ich in 15 Minuten in der süßen Innenstadt von Kopenhagen, mit ihren hübschen Häuschen, Booten und Häfen. Eine dänische Bekannte sagte: „This city is easy to live in“, und so habe ich mich auch gefühlt. Nach einem Monat ist man dort einfach zu Hause.

Kreative und bunte Architektur in Christiania.

Alternativlos: RAD

In Wien Rad zu fahren ist nicht immer ein Vergnügen. Auf Grund dessen hatte ich meine Zweifel, auch in Kopenhagen. Gar nicht wegen der Autofahrer_innen, sondern eher auf Grund der Radfahrer_innen. Trotzdem mietete ich mir ein Rad – das musste einfach sein. Das Tempo ist hoch auf den Radfahrbahnen, aber der Platz ist luxuriös großzügig. Es gibt keinen Ort, an dem es keinen Fahrradstreifen gibt! Radfahrende wissen aufeinander zu achten und geben jederzeit klare Zeichen fürs Abbiegen oder Stehenbleiben und Fußgänger_innen sowie Autofahrende achten aufeinander. Radfahren in Kopenhagen war das reinste Vergnügen. Das wünsche ich mir für Wien.

Das Konservatorium und sein Environment

Auf meinem Konservatorium – Rytmisk Musikkonservatorium – sind die Hälfte aller Masterstudierenden „internationals“. Es gab eine Handvoll Erasmus-Studierende, aber da die meisten Studierenden sowieso einen ausländischen Background hatten, war das kein Unterschied. Das Semester begann mit einer „introduction-week“ mit talks, workshops und Kennenlernrunden. In meiner Gruppe – master music education – waren wir zu sechst. Es war leicht ins Gespräch zu kommen, denn dieses Konservatorium ist ein Ort der Offenheit, Kreativität, künstlerischen Entfaltung und des aufeinander Zugehens. Die Kantine war „the place to be“. Dort fanden die wichtigen Gespräche statt – über Musik, Menschen, Politik, Philosophie. Während des Semesters wurden die Treffen weniger und die Leute machten mehr Musik alleine in ihren Proberäumen, aber die Kantine blieb trotzdem immer wieder Treffpunkt. Am Konservatorium gab es in etwa 20-30 Proberäume die 24/7 für alle Studierende zugänglich waren. Ein online-booking-System erlaubte die Reservierung und eine Karte den Einlass. Die meisten Räume hatten Flügel, Piano, Schlagzeug, eine Anlage und eine producing-Ecke. Ein Traum.

Großartige Ausstattung in allen Probe- und Unterrichtsräumen.

Die Struktur der Lehrveranstaltungen war ganz anders als in Wien: viel mehr Selbstständigkeit, viel mehr eigene Lernzeit, weniger Lehrveranstaltungen.

Bildungssystem

Prinzipiell ist das „skandinavische“ Bildungssystem – von der Schule bis zur Universität – eher informell gestaltet. Das bedeutet, dass es weniger Hierarchie gibt und mehr Eigenverantwortung für die Schüler_innen. Die Lehrenden agieren eher wie Coaches als Schüler_innen Wissen „beizubringen“. Da ich im Rahmen von Musikerziehung in Kopenhagen war und ich für meine Masterarbeit auch mit dänischen Schulen arbeitete, fielen mir insbesondere in Bezug auf Beziehungsebene, Kommunikation und Selbstständigkeit der Schüler_innen einige Unterschiede zu Österreich auf. Interessant war auch zu sehen, dass die Klassenräume eher auf Gruppenarbeiten ausgelegt sind und weniger auf Frontalunterricht. Diese Prinzipien, aber auch die Raumarchitektur, deuteten sehr stark auf mehr Raum für selbstständiges, kreatives und eigenverantwortliches Arbeiten und Lernen hin.

Winter

Nach den wunderschönen langen Sommertagen kam der Winter in sehr hohem Tempo. Nach einem angenehmen und großzügigen September verwandelte sich das Wetter mit Oktober schlagartig in das typische dänische Regenwetter. Aber ich lernte: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“. Radhosen zum Drüberziehen sind ein Muss, denn es kann einfach jederzeit zu regnen beginnen. Zusätzlich wurden die Tage kürzer und der Himmel blieb meist grau. Natürlich habe ich gehört, dass der Herbst und Winter genauso sein würden, jedoch muss man das selbst erleben.

„Hyggelig“ bedeutet gemütlich und ist die Lebenseinstellung der Dänen und Däninnen – insbesondere im Herbst/Winter. Die ganze Stadt leuchtet – es gibt Lichter und Kerzen in jedem Haushalt und dieses Licht macht die Stadt freundlich. Zusätzlich kann man die Stimmung mit Zucker in Form von großartigem, aber deftigem dänischen Gebäck heben: Marzipanbrötchen, Schokorollen oder Plunderteig mit Creme. Creme ist prinzipiell sehr präsent in der dänischen Küche. Ein sehr gutes Beispiel für Creme/Schlagobers, auf Dänisch „Fløde“ – sind die „Fastelavnsbollen“ – vergleichbar mit Faschingskrapfen, jedoch mit sehr, sehr viel Creme. Die Bolle gibt es mit den unterschiedlichsten Cremesorten. Natürlich musste ich sie alle kosten. Ein paar Kilos hat mir der dänische Winter gebracht, aber auch viele schöne und „hyggelige“ Momente.

Fastelavn Bolle gibt es mit allen möglichen Cremesorten.

Wer also Lust auf eine sehr warmherzige und internationale Stadt hat, die mit viel Natur – Strand, Parks und hübscher Architektur – aufwarten kann, gerne viel und bequem mit dem Rad durch die Stadt fährt, liebend gerne Englisch spricht, nichts gegen Regen hat, eine urbane und offene Kulturszene mag und genug Ersparnisse auf der Seite hat (ja, Dänemark ist teuer), dem empfehle ich Kopenhagen vom ganzen Herzen.

Ich freue mich darauf, sobald es wieder leicht möglich ist, nach Kopenhagen zu reisen, meine Freunde und Freundinnen zu sehen und mich gebührend bei der Stadt zu bedanken.

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