Mi cuatrimestre en Buenos Aires

Wie man lernt, im Chaos entspannt zu bleiben

Im August kam ich nach einer zu kurzen Nacht im Flugzeug (und 32 Grad in Österreich) in Buenos Aires an. Winter, kalt, allein, keine Spanischkenntnisse und keine Wohnung. Beste Voraussetzungen also.

First things first: Wohnen

Im Chaos aka Buenos Aires angekommen, machte ich mich gleich auf, um zwei Wohnungen zu besichtigen, die mir Bekannte vermittelten, die vor einiger Zeit hier studierten – das erleichterte mir schon einiges, allerdings ist es in Argentinien wirklich auch besser, erst vor Ort eine Wohnung zu suchen, sie ganz genau anzusehen (denn oft sind die Fotos im Internet sehr gut retuschiert) und dann erst zuzusagen. Ich fand schon am dritten Tag eine Traumwohnung, nur 25 Minuten von beiden Unistandorten entfernt, mitten im Zentrum, riesengroß, wunderschön eingerichtet und quasi direkt am Broadway von Buenos Aires und so direkt an Theater, Kunst, Musik dran, aber dazu später mehr.

Direkt vor meiner Wohnung – Avenida Corrientes, die niemals schlafende Straße mit zahlreichen Theatern, Konzertsälen, Kinos und Lokalen.

Chaos pur: Die Uni

Nun ein wohl sehr wichtiger Part eines Auslandssemesters: Die Uni.

Zuerst: die Zuständige für alle Austauschstudierenden ist so gut wie nie zu erreichen, beantwortet kaum Fragen, bietet keine Hilfe. Ich kam zum offiziellen Unistart an, wir trafen uns zu viert zu einem Meeting, das 10 Minuten dauerte, und wurden dann mit einem zweiten Termin vertröstet, der nie zustande kam. Nach einer Woche „Nichtstudieren“ gab es dann doch ein Meeting zum Kennenlernen der anderen Austauschstudierenden, was vor allem wunderbar war, um Kontakte zu knüpfen und wo ich meine liebsten Freunde im Semester kennenlernte!

Zum Glück lernte ich am ersten Tag des Einschreibens eine Argentinierin kennen, die fließend Deutsch konnte (nicht vergessen, mein Spanisch beschränkte sich hier noch auf das Begrüßen) und mir bei der Inskription half. So gut wie alle meine Wunschkurse waren voll bzw. leitete die Erasmuszuständige nicht weiter, dass ich hier studieren werde, weshalb man im Büro sehr überrascht war über meinen Besuch. Die Argentinier wären aber nicht die Argentinier, wenn sie all das Chaos nicht mit einem Lächeln und einem „Traaaanqui“ in eine Lösung umwandeln würden.

Nach dem ersten Chaos ging es ans Studieren. Ich stopfte mir meine Woche mit 40 Stunden Unterricht voll, da ich so begeistert vom Angebot war. Tango, Contact Improvisation, Historia de Tango, Percusion latinoamericana, Improvisation, Musica y Movimiento, Tecnica de la Danza Moderna und mehr…. Ich liebte den Unterricht hier, die Lehrenden verlangten sehr viel von allen, wir mussten nicht nur die praktischen (Tanz)stunden absolvieren, ich musste auch Prüfungen schreiben, Referate halten, Choreographien mit Kolleginnen entwickeln und Bücher lesen und zusammenfassen. Vor allem am Movement-Department und im Theorieunterricht fühlte ich mich im Unterricht inhaltlich geforderter als in Wien, ich konnte unglaublich viel mitnehmen, da das Niveau in meinen Kursen sehr hoch war und einem nichts geschenkt wurde.

Anders war das am Musikdepartment. Der Instrumentalunterricht sieht wie folgt aus: 4 Stunden in der Woche im Unterrichtsraum anwesend sein, 25 Minuten selbst unterrichtet werden, die restliche Zeit den anderen Studierenden zuhören. Was anfangs ganz okay war, wurde für mich immer anstrengender. Ich studierte Klavier, hatte kein Instrument in der Wohnung, konnte effektiv 2 Stunden in der Woche (wenn es gut ging) an der Uni üben, weil es von den versprochenen Übezimmern dann doch keines gab. Das war aber alles okay für mich, da ich den Fokus dieses Semester mehr auf die Bewegung legte, und davon war ich mehr als begeistert.

Die Uni hat übrigens sehr viel Unterricht am späten Nachmittag bis 22 Uhr, zumindest war mein Stundenplan immer von 12 bis 20 oder 22 Uhr, perfekt um auszuschlafen.

Neu für mich war außerdem, dass Unterricht grundsätzlich 10-20 Minuten nach offiziellem Beginn startet, das sind wir aus Wien ganz und gar nicht gewohnt. Das liegt an den unzuverlässigen Öffis und an der Tatsache, dass Argentinier_innen immer zu allem zu spät kommen – endlich war mein ständiges Zuspätkommen kein Grund zum Augenrollen mehr!

Mehr Chaos: Argentinien, Streiks, die Wirtschaft, die Wahl

Ich kam in einer Zeit der Krise, von den Porteños „Macrisis“ genannt (wegen des nun Ex-Präsidenten Macri). Ich musste täglich den Kurs des Pesos ansehen, die Preise änderten sich teilweise alle 2 Wochen (Cafe con leche kostete im August im Starbucks 100 Pesos, im Dezember 165). Es gab vor allem im „Microcentro“, wo ich wohnte, fast täglich Streiks und Demos, die Uni fiel auch öfters aufgrund der Streiks aus (vor allem weil Lehrende teilweise seit Monaten nicht bezahlt wurden). Am besten hatte man nie zu viele Pesos umgewechselt, da der Wechselkurs sich so schnell änderte, aber für uns Europäer_innen ist das alles nicht schlimm – die Leidenden sind Menschen, die unter der Armutsgrenze hier leben und ich konnte ganz klar miterleben, wie diese mehr und mehr wurden. Es kam nicht nur einmal vor, dass ich morgens aus meiner Haustüre raus wollte und dabei jemand die Nacht vor ebendieser verbringen musste, oft waren es auch Familien mit kleinen Kindern. Man fühlt sich als Europäerin, die alles hat und nicht überlegen muss, was sie isst, wo sie schläft, oft sehr hilflos und hat ein schlechtes Gewissen, dass es uns hier so gut geht, während in anderen Ländern – und nun so nah an mir, so viele Menschen leiden und nichts dafür können.

Was ich aber unglaublich an den Argentinier_innen, besonders den Porteños, finde: Sie streiken, sie veranstalten Demos, sie zeigen auf, was geändert werden muss und vor allem wird dabei oft Feminismus thematisiert, nicht zuletzt, weil gerade für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche gekämpft wird.

Auch ich war auf einigen dieser Demos, trug mein „pañuelo verde“ (das grüne Tuch der feministischen Kampagne) und traf mich mit Tausenden von Frauen, um in La Plata beim „Encuentro Nacional de las Mujeres“ Workshops zu besuchen und mit Frauen aus Argentinien und anderen Ländern über Feminismus und Kunst zu diskutieren, eine Erfahrung die ich nicht missen möchte.

Auch bei Konzerten, Performances etc. winken die Künstler_innen oft am Ende mit ihrem „pañuelo verde“ dem Publikum, um ihre politische Haltung offen zu zeigen.

Die Universität und Studierenden sind sehr aktivistisch und zeigen nach Performances oft das Pañuelo Verde als Symbol für Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.

Im Frühling wurde ein neuer Präsident gewählt, viele hofften, es wird sich vor allem die Wirtschaftslage verbessern (viele Argentinier können so gut wie nichts sparen, da der Peso und somit ihr Geld von einer Woche auf die andere einiges an Wert verliert bzw. verlieren könnte, auch der Kauf von Dollars ist begrenzt). Was mir auffiel: die neue Partei ist links, zwei Tage nach ihrer Angelobung bekam das „Centro Cultural Kirchner“ mehr Geld, um nicht im Sommer geschlossen zu sein, wie es unter der alten, rechten Regierung der Fall war.

Kunst, überall ist Kunst!

Buenos Aires ist ein Traum für Kunststudierende. Nirgends auf der Welt fand ich so viel Kulturangebot, jeden Tag, für so wenig Geld. Ich lebte quasi neben dem Broadway, es war keine Seltenheit, sich mit Freunden nach der Uni im Theater oder im Kino zu treffen, Tickets gab es ab 1 Euro, auch wenn mein Favorit das Independentkino mit Tickets um 10 Cent war.

Die Regierung steckt sehr viel Geld in Kunst, Kultur, Förderung für Jugendliche. Es gibt zahlreiche Kulturzentren (centro culturales), die täglich geöffnet sind, Bibliotheken haben, Konzerte, Festivals veranstalten (ich habe ca. 3 Konzerte pro Woche besucht, manchmal auch mehr), Kurse anbieten (Yoga, Kochen, Tanzen, Musik, …) und das ALLES GRATIS! Dieser Punkt ist eindeutig einer der Gründe, warum ich mich so in diese Stadt verliebt habe – so oft trafen wir uns, um uns gemeinsam für wenig oder gar kein Geld Konzerte oder Performances anzusehen, im Wissen, dass die Künstler_innen aber trotzdem gut bezahlt wurden, da es vom Staat so gefördert wurde. Kunst und Kultur für alle, wirklich für alle, niederschwellig, einfache oder gar keine Anmeldung, verschiedenste Genres (ich sah Daniel Barenboim im CCK, einige Tage später im Centro Recoleta eine berühmte Popsängerin des Landes), auch die meisten Museen sind kostenfrei oder sehr günstig – etwas, das ich in Österreich vermisse.

Auch Tanzstunden in Studios zu nehmen ist sehr erschwinglich. Neben der Uni besuchte ich noch regelmäßig 3 Stunden ein renommiertes Tanzstudio, am Jahresende durfte ich mit 7 anderen „chicas“ aus meinem Kurs im Theater am Broadway auftreten, was definitiv ein unglaubliches Erlebnis war!

Direkt nach der Vorstellung unserer Tanzperformance in einem Theater in der Avenida Corrientes mit den Tänzerinnen meiner Tanzschule.

„Milongas“ – die Tanzveranstaltungen des Tangos – besuchte ich mit meinen Freunden mindestens 1-2 Mal wöchentlich, vor allem, um für meinen Tangounterricht in der Uni zu üben, der sehr fordernd war. In einer Milonga fühlt man sich zurückversetzt in die 1930er-Jahre, die Musik, der Gesang, der dunkel beleuchtete Saal, die „Tangueras y Tangueros“, die durch den Saal tanzen…. Muss man erlebt haben!

Sommerliche Milonga (Tangotanznacht)

Che, que onda?

Spanisch. Als ich ankam, konnte ich mir kaum vorstellen, dass der gesamte Unterricht auf Spanisch ist und es gab in den meisten Kursen niemanden zum Übersetzen, da viele kein gutes Englisch können. Deshalb nahm ich im Semester 30 Stunden Privatunterricht, durch den ich im Dezember B2 erreichte – worauf ich sehr stolz bin, da dies auch eines meiner Ziele in diesem Auslandsaufenthalt war. Das argentinische Spanisch ist teilweise sehr anders im Vergleich zu dem aus Spanien, nicht nur die Aussprache und Ausdrücke, statt „tu“ sagt man „vos“ und man konjugiert die 2. Person anders. Da mir das argentinische Spanisch aber sowieso am besten gefällt, ist dies kein Problem, auch die Slangausdrücke aus dem Raum Buenos Aires lernte ich schnell, das war besonders meinen Freunden hier sehr wichtig! 😀

Der Ort, an dem ich Spanisch lernte und mir innerhalb des Semsters ganze 24 Bücher kaufte: die Buchhandlung Liberos del Pasaje

La viajera

Natürlich bereist man in einem Auslandssemester auch das Land: Ich konnte bis auf Cordoba alle großen Regionen bereisen (und sah trotzdem erst einen Bruchteil dieses riesigen Landes) und war einfach nur begeistert, wie divers Argentinien ist: Wüste, die Anden, der größte Berg außerhalb Asiens, Gletscher, Dschungel, die größten Wasserfälle, Weinregionen, Kakteenlandschaften, Wale, Pinguine… . Manchmal kann man kaum glauben, was es alles in einem Land zu entdecken gibt!

Argentinien hat so einiges zu bieten: von roten kakteenübersäten Wüsten…
.. die Anden auf mehr als 4000 Metern…
… bis zu Pinguinen auf der Halbinsel Valdés.

Im Jänner musste ich mich leider von Buenos Aires verabschieden – auch wenn die Stadt mit ihrem Lärm, dem Chaos, dem meist nicht funktionierendem Öffi-System mich manchmal wahnsinnig gemacht hat, konnte ich mich kaum trennen. Vor allem die Menschen hier sind so offen, herzlich, helfen einem, laden dich zu einem „Asado“ ein (Grillerei, meistens auf den Dachterrassen der Stadt), man findet wirklich sehr schnell Anschluss und Freunde. Die Tatsache, dass Kunst hier so gut wie jedem ermöglicht wird, es immer etwas zu tun gibt, die Tanz- und Musikangebote so zahlreich sind, ich dort gute Freunde gefunden habe, mich in die Stadt und in das argentinische Spanisch verliebt habe, lassen mich jetzt schon meinen nächsten Aufenthalt planen!

Weihnachten im Sommer bei 30 Grad war definitiv anders, aber mit unserem eigenen kleinen Bäumchen mehr als perfekt.

Wenn man sich vom österreichischen Organisiert-Sein verabschiedet, sich auf ein neues Land, warme, offene Menschen, Chaos und einigen Überraschungen einlässt, kann ich einen Studienaufenthalt in Buenos Aires nur empfehlen! Man lernt nicht nur in der Uni, sondern vor allem außerhalb, so viel dazu – fürs Leben, fürs Studium, für einen selbst!

Die Food-Szene in Buenos Aires ist riesig – genau wie die Portionen.

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