Bereicherung und Lehre

Ruhe und Drang finden

Meine Zeit in Japan war eine unglaubliche Bereicherung. Mein Name ist Linda Maria Rodriguez Breña, ich studiere Bachelor ME und IGP jeweils mit Hauptfach Gesang Klassik an der mdw und hatte die Möglichkeit in meinem 5. IGP-Semester am Kunitachi College of Music in Tokio ein Auslandssemester zu verbringen. Japan war, zusammen mit Kuba, meine erste Wahl für ein Auslandssemester. Allerdings wurde mir die Lust am Studium in Kuba auf Grund eines Besuchs an der dortigen Universität und eines Gesprächs mit der damaligen Direktorin genommen. Kuba ist ein tolles Reiseziel für Urlaub oder für mich um Zeit mit der Familie zu verbringen, aber für mich kein Ort zum Studieren. Anders war das in Japan. Das Kunitachi College of Music habe ich ausgewählt, da meine beste Freundin dort ihren Bachelor gemacht hat, bevor sie nach Wien gekommen ist, einer meiner liebsten Komponisten (Joey Hisaichi) dort studiert hat und der Universitätscampus außerhalb der großen Zentren Tokios liegt. Ich dachte mir, dass der Kulturschock schon groß genug werden würde und ich nicht noch Unmengen von Menschen um mich herum bräuchte – komisch, warum ich mir dann Tokio ausgesucht habe? Nein! Weil die Präfektur Tokio, das ganze Land Japan, so viel mehr zu bieten hat als die berühmte Scrambled Egg Kreuzung in Shibuya, die kitschig-überladene Einkaufsstraße in Harajuku oder die glimmend-gleißende Elektronikwelt in Akihabara.

Harajuku – hippe Shoppingstraße
Im “Elektronik”-Viertel Akihabara

Gelebt habe ich in einem Sharehouse in Tachikawa, einem Stadtteil im weiten Westen Tokios, 30 Minuten mit dem Rad zur Uni. Die Monorail (eine der vielen Metrolinien Tokios) wollte ich nicht täglich frequentieren, da die Preise für öffentliche Verkehrsmittel verglichen mit Wien sehr hoch sind. Leistbar im Urlaub, aber nicht unbedingt für den täglichen Uniweg. Außerdem war das Wetter noch lange Zeit fahrradtauglich, das heißt nie unter 2-3°C, meist sonnig. Selbst wenn es genieselt hat, war es angenehmer mit dem Rad zu fahren. Zur Taifunzeit habe ich mir dann auch ab und an das Ticket geleistet.

Mein Zimmer im Sharehouse in Tachikawa

Der Erwerb meines Studierendenvisums war etwas kompliziert, da die Bestätigung des Studienplatzes von der Uni relativ spät kam und ich weniger als zwei Monate hatte, um mich um das Visum zu kümmern. Ich hätte auch die Zusage einer anderen Universität früher gehabt, aber das Kunitachi College of Music war meine Wunschuni, weshalb ich die schwierigeren Umstände gerne auf mich genommen habe. Außerdem hatte ich bei der Beschaffung des Visums Hilfe von einer Angestellten des Auslandsbüros der Universität. Die nächste Hürde war meine Meldung im Rathaus von Tachikawa. Obwohl mein Japanisch noch sehr schlecht war, habe ich diesen Weg alleine auf mich genommen und war vor Ort dann auch leider ein wenig hilflos. Zum Glück gab es aber einen älteren Beamten, der zufällig Englisch konnte und mir mit allen Anmeldungen (für die Krankenversicherung, Rentenversicherung und Wohnsitzänderung) geholfen hat. Wenn man einen längeren Zeitraum in Japan lebt, muss man ins Gesundheitssystem einzahlen und wird im Rentensystem registriert. Die Dokumente muss man behalten, falls man jemals wieder für einen längeren Aufenthalt nach Japan zurückkommt. Diesen Tipp des Beamten habe ich mir zu Herzen genommen und verwahre meine Dokumente an einem sicheren Ort. Nachdem alle notwendigen Schritte abgeschlossen waren, war ich nun also bereit für meine Zeit in Japan. Ich ging fast täglich zur Uni, da ich meine Kurse schon im Vorhinein auswählen musste und ein Stundenplan für mich erstellt worden war. Bei der Auswahl hat mir eine Freundin geholfen, da das gesamte Curriculum nur auf Japanisch vorhanden war. Auch alle Kurse, die ich besuchte, wurden auf Japanisch abgehalten. Nur einer  – Music Cultures in Japan – fand auf Englisch statt. Aus diesem Grund besuchte ich fast ausschließlich Seminare, in denen das Hauptaugenmerk auf praktischen Tätigkeiten (Singen oder Rhythmik) lag: Italian diction, Seminar of Songs (Japanese), Seminar of Ensemble (Lied/Oratorio), Chorus, Eurhythmics, Seminar in Musical Style (Italian Songs), Solfege und Hauptfach Gesang.

Gesangsabend der Klasse von Professorin Keiko Koizumi

Um mein Japanisch zu verbessern besuchte ich auch einen Konversationskurs, der von der Gemeinde Tachikawa angeboten wurde und organisierte mir Tandempartner_innen. Ich hatte außerdem Kontakt zu zwei Deutschlehrerinnen, die an der Universität unterrichten. Zu meinen Tandempartner_innen habe ich immer noch guten Kontakt. Das Studienleben mit meinen sozialen Kontakten sowie die ständige Konfrontation mit der Sprache, die ich noch nicht lange lernte und noch nicht gut beherrschte, waren zwar spannend und aufregend, aber auch sehr erschöpfend und ich konnte nicht so viele Ausflüge machen, wie andere Studierende, die ein Auslandssemester absolviert haben. Auch die Tatsache, dass ich alle Ausflüge selber planen und organisieren musste, da ich die erste und einzige Auslandsstudentin seit 3 Jahren war, hat wohl dazu beigetragen.

Tag im Kimono in Kyoto

Dadurch war es allerdings auch so, dass ich wirklich rund um die Uhr beinahe nur Japanisch gehört und geredet habe, was für den Erwerb der Sprache unbezahlbar war. Weder Lehrpersonal, noch Studierende konnten (besonders gut) Englisch, eher sogar andere Sprachen (Französisch, Italienisch, die meisten Deutsch), weshalb wir uns im Schnitt eher auf Japanisch unterhalten haben. Nichtsdestotrotz hatte ich eine unglaublich schöne Zeit, wenn ich Ausflüge gemacht, Leute kennen gelernt habe und mein Wissen erweitern konnte. Singen hat Spaß gemacht, meine Gesangsstunden mit Professorin Keiko Koizumi waren eine vollkommene Bereicherung und wir haben uns gut verstanden, obwohl die Sprachbarriere anfangs sehr groß war.

Meine Gesangsprofessorin am Kunitachi College of Music Keiko Koizumi

Natürlich gab es auch nicht so schöne Momente: wenn ich mich besonders einsam und unfähig gefühlt habe (und das war nicht selten), wenn der Unterschied der Kulturen zu groß war, oder wenn Leute offensichtlich sehr rassistisch waren (auf der Uni habe ich Professoren mal eine „nicht so nette“ Bezeichnung für Ausländer sagen hören, als ich vorbeigegangen bin, oder auf der Straße haben sich Leute nach mir umgedreht und mich wütend angesehen, obwohl ich mich an alle gesellschaftlichen Regeln gehalten habe). Am meisten haben mich diese Erfahrungen Respekt gelehrt: Respekt vor allen Menschen, die außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat leben. Ich bin viel sensibler geworden für Personenbezeichnungen, politische Statements,… und ich habe viel über unterschiedliche Umgangsformen gelernt, über Gestik, Mimik, Tongestaltung – nicht nur in der Musik, auch im täglichen Leben. Ich habe meine Arbeitsmoral neu definiert, neue Erwartungen und Haltungen bekommen. Und im Großen und Ganzen Respekt vor allem, was, wie und warum andere so sind und es so machen, wie es eben ist. Ich glaube, ich bin sehr erwachsen geworden durch meine Zeit dort… nicht hochnäsig, sondern achtungsvoll gemeint. Ich verstehe meine Eltern, ältere Generationen und die Unterschiede mit jüngeren Generationen besser… (oder zumindest glaube ich das 😅)

Kojo (Herbstfärbung) in Kawaguchiko am Berg Fuji

Der größte Unterschied zwischen Japan und Österreich ist und war für mich die Lautstärke. Wenn man in Wien auf der Straße geht oder mit der U-Bahn fährt, ist es laut und es sind vergleichsweise nicht so viele Leute unterwegs. Allerdings, auch wenn in Tokio viel mehr Leute unterwegs waren, ist man sich weniger im Weg gewesen. Dadurch, dass jede_r auf der Straße scheinbar mehr darauf geachtet hat weniger Platz einzunehmen, hatten alle viel mehr Platz, viel mehr Freiheit sich fortzubewegen. Die Leute haben sich selbst nicht so wichtig genommen… aber sie haben sich auch nicht weniger ernst genommen. Ich hatte das Gefühl, dass jede_r das macht, was sie können und nach und nach ist es halt voran gegangen. Das war auf der Straße mit Fremden das gleiche Gefühl, wie auf der Uni mit Kolleg_innen oder Freund_innen. Ich weiß, dass ich durch mein „Fremdsein“ auch viele Privilegien hatte, weil Leute, die mich gekannt haben, mir nicht die gleichen strengen Konventionen auferlegt haben, die in Japan gelten, aber ich habe mich doch auch bemüht mitzumachen, weil es einfach ein angenehmeres Gefühl war. Seit ich wieder in Österreich bin, ist dieses bestimmte (Gemeinschafts-)Gefühl wieder weg… und ich habe den Eindruck, dass es nicht nur wegen Covid so ist… . Ein anderer großer Unterschied war, dass wirklich fast alles seinen Preis hatte, sogar Parks. Ich habe gelernt, dass Dinge einfach einen Wert haben. Auch welche, die in Österreich umsonst sind. Gärten müssen gepflegt werden, Gebäude erhalten, Wasser gereinigt und Leitungen in Stand gehalten werden. Kultur kostet und ist wertvoll. Natur muss erhalten werden, wenn wir sie mit unseren Bequemlichkeiten in der Stadt kombiniert haben wollen. Hier gibt es so viele Förderungen und vieles ist scheinbar gratis – ich finde, hier ist es den Leuten viel weniger bewusst.

Polizei- und Rettungsmaskottchen von Tokio

In Japan gibt es konstante Reizüberflutung – in Geschäften, auf Bahnhöfen, in Gassen, wo ein Lokal neben dem anderen ist, im Fernsehen, auf der Straße, wo Werbeanzeigen sind, etc. Aber trotzdem können die Menschen Dinge besser wertschätzen. Sie kaufen weniger, dafür bessere Qualität (auch wenn sie es sich nur schwer leisten können und natürlich nicht alle, aber viele machen das, soweit ich das mitbekommen habe) und wissen diese Qualität auch zu schätzen und nehmen sich Zeit dafür. Und wenn ihnen das Geld ausgeht, suchen sie sich mehr Arbeit. Ganz einfach. Sie achten mehr darauf den Körper regelmäßig Gutes zu tun, um ihn gesund zu halten, anstatt zum Arzt zu rennen, wenn es ihnen schlecht geht. Und diese Dinge werden auch gefördert. Jetzt, nachdem ich doch schon einige Zeit wieder zurück bin, habe ich gemerkt, wie viele der positiven Aspekte meines Lebens in Japan ich auch hier umsetzen kann. Ich nehme mir Zeit für Aufgaben und plane nie mehr ein, als ich tatsächlich machen kann. Ich schreibe mir lieber weniger To Dos auf, als zu viele, und freue mich daran, wenn ich mehr mache, als ich mir ursprünglich zugetraut habe. Ich koche selbst und versuche nicht „irgendetwas zusammenzupanschen“, sondern nehme mir Zeit alle Zutaten ihrem Tempo nach zuzubereiten. Das bringt nicht nur Ruhe, sondern hilft mir auch meinen Tag besser zu gestalten. Außerdem lerne und übe ich nun in einem gleichmäßigeren und ruhigerem Tempo und weiß, dass der Erfolg nicht im Stress, sondern in ständiger Wiederholung liegt.

Mit meiner großartigen Pianistin und Freundin Lisa Tomita

Zu guter Letzt möchte ich noch einmal auf den unangenehmsten Teil meiner Erfahrung zurückkommen: die Ausländer_innenfeindlichkeit. Ich wusste, dass sie existiert, habe sie oft an Erfahrungen von Leuten in meinem Umfeld (Vater, Großvater, enge Freund_innen) feststellen können. Aber es ist etwas komplett anderes selbst betroffen zu sein und sich in dieser Situation zu befinden ohne Möglichkeit das Gegenüber darauf ansprechen und damit konfrontieren zu können (sei es aufgrund der Sprache oder aus körperlichen und mentalen Gründen). Deshalb hat mich mein Auslandsaufenthalt besonders eines gelehrt: offen zu bleiben, immer mehrere Seiten einer Situation zu betrachten, nicht voreilig zu handeln und aber auch Intoleranz und Rassismus nicht zu dulden, sondern das Gespräch zu suchen und darauf hinzuweisen.

Geburtstagsfeier mit Freunden aus Uni und Tachikawa

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