Neue Perspektiven auf das Leben gewinnen

Ein unvergessliches Auslandsjahr in Zürich

Michaela Raab, mdw-Absolventin im Master Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP) Flöte, hat ihren Auslandsaufenthalt an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) von Februar 2020 bis Ende Januar 2021 absolviert. Im März 2021 hat sie ihre Studien beendet – neben IGP Flöte studierte sie auch im Master die Unterrichtsfächer Musikerziehung an der mdw und Mathematik an der Universität Wien. Als eine der wenigen Studierenden hat sie ihren Auslandsaufenthalt trotz Coronakrise nicht abgebrochen – sie hat auf ihr Bauchgefühl gehört und ist in Zürich geblieben. Im International Blog erzählt sie mehr darüber.

Warum haben Sie sich für ein Auslandssemester an der ZHdK entschieden?

Ich habe mich spontan bei der Restplatzbörse für Auslandsaufenthalte der mdw beworben. Für mich war das Wichtigste, an einer guten Hochschule zu studieren, an der es auch einen Master in Pädagogik gibt, denn den gibt es nicht überall. Mich hat interessiert, wie Didaktik an einer anderen Universität bzw. Hochschule gelehrt wird. Dann ging es darum eine_n Lehrer_in zu finden und ich bin zum Vorspiel nach Zürich und Bern gefahren. Schließlich habe ich den Studienplatz in Zürich bekommen. Ich war sehr glücklich in der Klasse von Maria Goldschmidt-Pahn, der ehemaligen Soloflötistin der Zürcher Oper, aufgenommen zu werden, auch aufgrund der Tatsache, dass die Plätze für Austauschstudierende beschränkt sind. Und Zürich ist ohnehin auch noch eine tolle Stadt.

Wie war Ihr Aufenthalt vor dem Hintergrund der Corona-Situation?

Ich hatte im ersten Semester sehr wenig Präsenzunterricht. Das Semester startete im Februar und Mitte März begann ja schon der Lockdown. Aber diese ersten Wochen waren gut für mich. Ich fühlte mich von Beginn an aufgehoben und konnte relativ schnell Freunde finden, meine Klassenkolleg_innen und meine Lehrerin kennenlernen und mich in der neuen Umgebung orientieren. Diese Wochen waren für mich sehr wertvoll. Bis zum ersten Lockdown hatte ich somit zumindest ein paar Stunden im Präsenzunterricht. Davor kannte ich meine Lehrerin nur vom Vorspielen. Dann war es natürlich herausfordernd mit dem Umstieg auf Online-Unterricht. Ich hatte großes Glück, denn meine Lehrerin hat sehr viel Zeit und Engagement investiert, um mich bestmöglich zu unterstützen.

Als ich nach Zürich gekommen bin, habe ich noch gar nicht genau gewusst, wo ich wohnen werde. Glücklicherweise habe ich rasch etwas gefunden – ein Zimmer in einem internationalen Studierendenheim in guter Lage wenige Gehminuten vom See entfernt.  Für mich war es sehr spannend, Studierende aus anderen Ländern kennenzulernen, aber auch herausfordernd plötzlich Englisch sprechen zu müssen. Ich hatte solches Glück mit meinen Mitbewohner_innen. In Wien wohnte ich in einer Wohnung und dachte, ich würde nie wieder im Studierendenheim wohnen wollen, aber es kam anders und es fühlt sich hier an wie in einer großen Familie zu leben. Ich habe mich rasch an die Gemeinschaftsräume gewöhnt und gelernt, dass ich nicht viel Platz und Dinge brauche, um mich an einem Ort wohl zu fühlen.

Angekommen in Zürich war ich total euphorisch und habe sofort Theater und Museen besucht. Ich kann mich noch so gut an meinen ersten Abend im Opernhaus Zürich erinnern, die Dernière von Beethovens „Fidelio“, wo ich mit meinem „Club Jung“-Ausweis in der zweiten Reihe saß und vor mir Markus Poschner, Chefdirigent des Bruckner Orchesters Linz, am Pult stand. Mich fasziniert auch die vielfältige Architektur in Zürich mit ihren großen, modernen Betonbauten und die mittelalterliche Altstadt, ganz anders als in Wien. Auch die ZHdK ist ein überaus modernes Gebäude, eine ehemalige Milchfabrik.

Wie haben Sie den Online-Unterricht an der ZHdK erlebt?

Ich musste mich neu orientieren und mir vorab immer einen Raum für den Online-Unterricht, das Üben und das Erstellen der Videos suchen. Den Musikraum im Heim musste ich mit anderen Musikstudierenden teilen und so kam es auch mal vor, dass ich in der Wäschekammer eine Unterrichtsstunde abgehalten oder dort geübt habe. Ich musste also kreativ werden und auch mentale Techniken vermehrt ins Üben integrieren. Der Online-Unterricht fand entweder über Zoom statt oder indem ich Videos an meine Lehrerin schickte. Es war aufwendig, die Videos zu erstellen, aber für mich auch durchaus nützlich und produktiv. Am Ende des Sommersemesters gab es dann doch noch eine Präsenzstunde, ein Lichtblick nach mehreren Monaten in Isolation. Auch wenn es Vorteile hatte, gingen beim Online-Unterricht viele Dinge, wie Freude und Motivation mit der Zeit verloren. Für Musikstudierende war bzw. ist die Pandemie eine große Herausforderung und mit vielen Kompromissen und Einschränkungen verbunden. Natürlich hatte ich mir meinen Aufenthalt anders vorgestellt, aber dennoch bereue ich nichts. Meine Lehrerin hat mich bedingungslos und auf sehr vielen Ebenen betreut und wir haben das Beste aus der Situation gemacht. Ich habe meine Zeit auch genutzt, um meine Masterarbeiten zu schreiben. Vor dem Aufenthalt hatte ich einen sehr dichten Alltag, mit zwei Studien und einem Job. Außerdem konnte ich durch die „Krisenzeit“ persönlich wachsen, denn es gab plötzlich sehr viel Zeit darüber nachzudenken, was mir wichtig ist und was ich möchte. Ich denke, dass in jeder Krise auch eine Chance steckt und die musste ich für mich entdecken.

Was haben Sie auf persönlicher Ebene durch den Aufenthalt gelernt?

Ich war vorher sehr von außen gelenkt, habe mein volles Programm abgearbeitet, aber übersehen, wie wenig Zeit für mich selbst bleibt. Wenn man dann plötzlich so viel Zeit hat, kommen diese Gedanken: Ist die Flöte überhaupt das Richtige für mich? Wofür das stundenlange Üben, noch dazu, wenn es keine Konzerte gibt? Es stellt sich die Frage nach dem Sinn und der Motivation: Musiziere ich gerne oder muss ich es tun, weil es mein Studium ist? Zum Studium gehört eben auch viel Disziplin, aber das ist nicht alles. Sehr einprägsam war für mich ein Erlebnis beim Vorspieltraining, das wir an der ZHdK hatten: nach dem Spielen musste jede_r Studierende drei Dinge aufzählen, die gut gelungen sind. Und niemandem ist etwas eingefallen! Da wurde mir klar, wie sehr wir auf Defizite und Fehler fokussiert sind, anstatt uns auf unsere Stärken zu konzentrieren und einen Weg zu finden, unsere Musik zu präsentieren und in die Gesellschaft zu tragen. Häufig sind nicht Musiker_innen, die perfekt spielen, diejenigen, die die Menschen berühren, sondern jene mit einer starken Persönlichkeit und Charisma, die, die eine Meinung haben und eine Botschaft durch die Musik und das Musizieren verbreiten. Mein Eindruck war aber, dass so viele Studierende den ganzen Tag im Keller mit stundenlangem Üben verbringen und gewissermaßen ihre Persönlichkeit verlieren, wenn man wie eine Maschine „funktionieren“ muss, sich überwiegend auf Fehler konzentriert, die man bearbeiten muss, sich mit den anderen vergleicht und wenig bis überhaupt keine Zeit mehr bleibt für Hobbies zum Beispiel. Ich möchte zwar eine Ausbildung auf hohem Niveau, aber auch, dass meine Persönlichkeit erhalten bleibt und dazu war es für mich notwendig, Grenzen zu setzen. Ich habe während meines Aufenthalts generell viel beobachtet und reflektiert. Kurz vor meinem Abschluss war ich sogar an dem Punkt zu überlegen, ob ich den Abschluss in IGP Flöte überhaupt machen soll, weil mir nicht klar war, wohin mein Weg führen wird. Schlussendlich habe ich mich entschieden, meinen Abschluss zu machen. Meine Lehrerinnen an der ZHdK und an der mdw (Dorit Führer-Pawikovsky) haben mich bei dieser Entscheidung sehr unterstützt. Ich möchte mich an dieser Stelle bei beiden, insbesondere bei Dorit bedanken, ohne deren Vertrauen und Zuspruch mein Abschluss während dieser außergewöhnlichen Zeit nicht möglich gewesen wäre.

Orgelsaal der ZHdK

Welche Unterschiede und Ähnlichkeiten sehen Sie zwischen der ZHdK und der mdw?

Die ZHdK ist eine Hochschule und daher stehen meiner Einschätzung nach in der Ausbildung die künstlerischen Vorhaben stärker im Vordergrund. An der mdw als Universität sind auch die wissenschaftlichen Aspekte sehr wichtig. Ich kann nicht sagen, was besser ist – das muss jeder für sich entscheiden. Ich persönlich empfinde es als Bereicherung, auch einen wissenschaftlichen Zugang gelehrt zu bekommen. In meiner Studienabschlussphase war es für mich wichtig, dass die künstlerische Entwicklung zentral ist. Der Stellenwert von Tradition und einer gewissen Klangvorstellung ist meiner Meinung nach an der mdw sehr hoch, was für mich in den ersten Studienjahren sehr gut gepasst hat. An der ZHdK habe ich einen offeneren Zugang erlebt und durch diesen besonders in der Schlussphase meines Studiums profitieren können. Studierende müssen sich wohl die Frage stellen, was sie bevorzugen und welcher Zugang sie im aktuellen Stadium weiterbringen kann. So bietet ein Auslandssemester oder ein weiteres Studium an einer anderen Institution viele Chancen. Aufgrund der aktuellen Situation ist es aber auch wichtig, die Risiken für sich abzuwägen.

An der ZHdK sind die Studienrichtungen der diversen Künste in einem Gebäude untergebracht – Musik, Tanz, Schauspiel, Film, bildende Kunst auf je einem Stockwerk mit Unterrichtsräumen, die einsehbar sind. Durch diese offene Atmosphäre bekommen die Studierenden viel von den anderen Künsten mit, was ich beispielsweise als sehr inspirierend empfand, denn man kann die Musik nicht von anderen Künsten trennen. Bei Prüfungen an der ZHdK fand ich toll, dass es selbstverständlich ist, dass externe Prüfer_innen die Prüfungen abnehmen. Das kostet zwar viel Geld, garantiert aber Objektivität und Transparenz.

Im Zürcher Zoo

Was waren Ihre einprägsamsten Erlebnisse während Ihres Aufenthalts, im positiven wie im negativen Sinn?

Positiv ist in der Schweiz die Wertschätzung und Freundlichkeit der Menschen. Sie sind korrekt und verantwortungsbewusst – sich selbst und anderen gegenüber. Anfangs erscheinen die Schweizer_innen distanziert, aber das löst sich meiner Erfahrung nach mit der Zeit. Positiv zu erwähnen ist auch die Natur, die Berge, die mittels eines tollen Verkehrsnetzes in kurzer Zeit von Zürich aus zu erreichen sind.

In dem Studierendenheim, wo ich wohne, hatte ich die Möglichkeit, Menschen anderer Kulturen und anderer Studienrichtungen kennenzulernen. Diese Zeit war für mich sehr prägend, denn mir wurde bewusst, dass man als Musiker_in oft nur mit anderen Musiker_innen zu tun hat, also in einer „Musik-Blase“ lebt und es ganz gut ist, auch einmal aus dieser auszubrechen.

Negativ für mich waren Erlebnisse, bei denen ich mich in der Schweiz als „Ausländerin“ mit all den damit verbundenen Einschränkungen gefühlt habe. Wenn im Pass „Aufenthalt zur Ausbildung“ steht, ist man in manchen Bereichen benachteiligt. Ich nahm vor meinem Auslandsaufenthalt an, dass mir mit einem Studium an einer Universität wie der mdw alle Türen offenstehen würden. Dem war nicht so. Das wurde mir bewusst, als ich damit begonnen habe, mich auch beruflich zu orientieren. Aufgrund meines Aufenthaltsstatus wurden mir Chancen auf Stellen verwehrt, auch wenn ich die Qualifikationen und sogar Empfehlungen vorweisen konnte. Ich musste lernen das nicht persönlich zu nehmen und weiter zu kämpfen, meine Stärken zu kennen und mich zu positionieren. Mittlerweile habe ich erste Berufserfahrungen durch Stellvertretungen sammeln können und eine feste Stelle als Musik- und Mathematiklehrerin in einem Gymnasium an der Grenze zu Österreich erhalten. Mein Ziel nach dem Studium war es, in der Schweiz zu bleiben und Berufserfahrung zu sammeln. Der Musiker_innenmarkt hier ist stark gesättigt und auch im Bewerbungsverfahren gibt es Unterschiede. Um weiter hier leben zu dürfen ist es notwendig eine Anstellung zu haben. Auch für Schweizer_innen ist es nicht so einfach, nach einem Musikstudium eine Lehranstellung mit ausreichend Stunden zu finden. Und daher bin ich sehr froh und dankbar, eine gute Stelle bekommen zu haben und freue mich auf diesen neuen Abschnitt.

Haben Sie je überlegt Ihren Studienaufenthalt aufgrund der Corona-Krise abzubrechen?

Ich habe von vielen Studierenden gehört, die ihren Aufenthalt kurz bevor die Grenzen geschlossen wurden, abbrachen und in ihre Heimatländer zurückkehrten. Ich habe mich aber auf mein Bauchgefühl verlassen – mir geht’s hier in Zürich gut und ich fühle mich wohl. Auch wenn ich anfangs noch nicht so viele Leute kannte, so habe ich gespürt, dass ich ein stärkendes Umfeld habe. Auch die Art und Weise der Kommunikation und die Resonanz der Gesellschaft im Zuge der Einschränkungen waren ausschlaggebend für mich, nicht zurück nach Österreich zu gehen. Für mein Umfeld in Österreich war es jedoch schwer zu verstehen, warum ich in einer fremden Stadt im Lockdown bleiben wollte, wenn ich doch erst seit wenigen Wochen dort war. Meine Wohnung in Wien war untervermietet und ich dachte, ich probier´s und bleibe bis zum Sommer. Zu diesem Zeitpunkt wusste man auch noch nicht genau, wie lange es dauern wird. Vor dem Sommer habe ich mich entschieden, um eine Verlängerung anzusuchen und bin dann noch um ein Semester länger an der ZHdK geblieben, in dem ich ein Praktikum an der Musikschule Konservatorium Zürich machen konnte, viele Stunden live und mit Einschränkungen, aber doch erleben durfte, und zum Abschluss ein Rezital ohne Publikum im großen Saal der ZHdK spielen durfte. Verglichen mit Wien waren die Möglichkeiten für mich im letzten Semester an der ZHdK unglaublich und sehr wertvoll. Je länger ich nun in der Schweiz bin, desto mehr hat sich mein Bauchgefühl bestätigt, dass es richtig war zu bleiben.

www.michaelaraab.com

One thought on “Neue Perspektiven auf das Leben gewinnen”

  1. Liebe Michaela!
    Danke für deinen ausführlichen Bericht und die positive Stimmung, die du damit verbreitet hast. Ich freue mich sehr und bin wirlklich beeindruckt, dass du diesen Aufenthalt in der Schweiz durchgezogen hast, aller Widrigkeiten zum Trotz! Das ist eben deine Stärke.
    Ich wünsche dir von Herzen alles Gute, viel Erfolg und Freude.
    Herzlichen Gruß Walter

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *