Eine moderne Stadt mit altem Geist

Unterwegs in Moskau

Nun ist die Reise zu Ende und es geht wieder zurück nach “Europa”.
Zurück nach Europa. Der Satz hallt leise nach und eine Frage stellt sich mir still und heimlich in meinem Kopf: Habe ich denn überhaupt Europa wirklich verlassen?

Rein geografisch betrachtet befindet sich die 12,4 Mio. Einwohner Hauptstadt im europäischen Teil Russlands und ist das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum. Mächtige Bauten, eindrucksvolle Kirchen, moderne Autos und in gleißendes Licht gebadete Hotels vermitteln den Eindruck einer Weltmetropole. Schnell-chaotisch und langsam-heroisch zugleich. Wer hier die Strasse überirdisch überqueren möchte, geht genauso ein Abenteuer ein, wie bei der Suche nach einem zahmen Wildschwein im Wienerwald.

Moskau

Sieben Tage in Moskau vergehen sehr schnell. Eindrücke bleiben. Vor allem gute. Und doch macht sich Zwiespalt leise in mir breit und ich zweifle, dass man sich überhaupt einen Eindruck von diesem geheimnisvollen Land machen kann, wenn man eigentlich nur einen absoluten Bruchteil davon gesehen hat. Russland misst eine Fläche von sagenhaften 17.075.400 km2, davon Moskau nur 2.510 km2, und selbst davon habe ich nur einen eher kleinen Prozentsatz gesehen. Darf ich mir da überhaupt mir einen Eindruck anmaßen?

Und doch soll Moskau Russland repräsentieren. Es ist nun mal die Hauptstadt und das Zentrum der Macht. Als Musiker habe ich wie die meisten meiner Gilde einen besonderen Hang zur menschlichen Gefühlswelt. Ich sehe es als meine Pflicht, so gut wie möglich Expressionen meiner echten Emotionen wiederzugeben und dem Zuhörer zu vermitteln. Geschichten zu erzählen. Als ich gefragt wurde, ob ich meine Eindrücke über Moskau zu Papier bringen könnte, habe ich mich als allererstes gefragt, ob ich dazu überhaupt der Richtige wäre.

Ich muss schweren Herzens zugeben, dass sachliche Berichterstattung mir nicht besonders liegt. Dazu fehlt mir einfach das wissenschaftlich-fundierte Feingefühl. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, mehr meine Gefühlswelt zu beschreiben und zu vermitteln, gestützt auf so manch visuellem Erlebnis, wie bei einem Schubertlied.

Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, sind dazu aufgefordert, sich selbst einen Eindruck von der Mystik Russlands zu machen, die man in jeder Ecke finden kann. Ob im Taxi oder in der Christi-Erlöser-Kirche, ob am roten Platz oder in der U-Bahn, den Geist Russlands aufzufangen und einzuatmen ist nicht schwer. Dostojewski beschreibt das sehr treffend mit den Worten: Die russische Wirklichkeit ist ein
erhabenes, universelles, geordnetes Chaos.

Ich habe Russland vor allem von einer bestimmten Seite kennengelernt. Um es in Worten der modernen Zeit zu beschreiben: #universell, #sauber, #glamouros und #erhaben. Doch Russland ist nicht nur universell und erhaben. Es ist auch sehr arm und auch bedrückt. Bedrückt von Hunger und Kälte und vom langsamen Tod der glorreichen Zeit. Einer Zeit, in der die Kunst und die Musik einen noch viel größeren Stellenwert hatte. Einer Zeit, in der vielleicht alles besser war?

Ich gehe aus dem Hotel und sehe Menschen, die auf Bänken schlafen bei minus 5 Grad. Menschen, die zwischen wunderschönen, atemberaubend dekorierten Straßen und Gebäuden ihre Armut nicht verstecken können, aber irgendwie müssen.

Russland ist ein stolzes Land. Stolz auf seine mächtige Architektur, seine Vielfältigkeit, seine Geschichte und seine Musik und Kunst. Als ich als kleiner Bub oft mit meinem Vater gemeinsam die alten Schwarz-Weiß-Übertragungen der Konzerte von Oistrach, Menuhin oder Richter im Classica Kanal angesehen habe, so wurde mir da immer ein Gefühl von Drang nach Kunst vermittelt. Wenn das russische Publikum gefilmt worden war, so sah man in den Augen die
unbändige Liebe und Loyalität zu ihrer Kultur. Das Lechzen nach mehr und mehr. Auch heute noch ist dieser Drang zu spüren, auch wenn er ein wenig zu verblassen scheint. Der Zug der Zeit?

Die Musik und die prachtvolle Architektur ist hier an jeder Ecke zugegen. Orthodoxe Gottesdienste mit den schönsten liturgischen Gesängen, Gebäude, die erinnern, welche schrecklich schönen Mächte hier einst gewütet haben. Man merkt, dass Poesie und Kunst allgegenwärtig sind. Ein Nachhall längst vergessener Zeiten?

Junge Studenten, die in Schlangen vor dem Museum warten, um unsere geliehene Klimt und Schiele-Ausstellung der Albertina zu bewundern. Ein Video, welches Wien zeigt. Gebannte, teils erstaunte Blicke.

Wenn man Richtung Flughafen fährt und das Zentrum der Macht verlässt, so wird der Eindruck ein klein wenig verändert. Man sieht kaum mehr schicke Autos. Kaum mehr Glamour. Zwar blitzen erhabene Gebäude auf, diese sind aber nur mehr eine blasse Erinnerung von dem, was sie einst gewesen sein mögen.

Nichts desto trotz fliege ich mit einem Gefühl der Bereicherung und Wärme nach Hause. Als ich auf der Bühne des Rachmaninow Saals im berühmten Tschaikowsky Konservatorium stand und ein Lied von Rachmaninow selbst sang, spürte ich den alten Geist, sah den etwas verblassten, aber noch immer vorhandenen Drang zur Musik und Kultur in den Augen älterer Damen und
Herren, die sich mit Sicherheit als junge Studenten oftmals kalte Füße beim Anstehen geholt haben.

Eine einfach Wertschätzung, die heute so oft gesucht wird. Einfach, weil es damals selbstverständlich gewesen zu sein schien, ein Konzert zu besuchen. So selbstverständlich wie Essen und Trinken. Liegt nicht in dieser einfachen Selbstverständlichkeit die größte Wertschätzung? Wie in so vielen anderen Bereichen unseres Lebens glaube ich, kommt es auf uns selbst an, was wir
aus unseren Reisen machen. Moskau erschließt einem vieles und bietet so manches. Zufällige Swatoslav Richter-Gedenkwochen und somit ein Konzert im Puschkin Museum zu Ehren Richters geben mir tiefe Einsicht auf kulturelle Verwurzelung. Rezitierte Texte Puschkins nach einer Sonate Rachmaninows, zwischen Bildern von Picasso und Monet. Eine Kombination die ihresgleichen sucht.

Ich hatte Glück. Ich hatte wieder einmal das Glück, wunderbare Menschen kennen zu lernen und neue Eindrücke einer anderen einzigartigen Kultur zu sammeln. Bei der kleinen Rede, die ich auf Russisch gehalten habe während des Konzerts, habe ich unter anderem gesagt, dass die Musik uns alle verbindet. Die einzig universelle Sprache. Hier in Russland habe ich das Gefühl, dass es kaum
eine Kultur gibt, in der es leichter wäre, sich über die Musik zu verstehen und zu verbinden. Ich glaube Musik und Kunst ist hier noch immer der Anker, der den Unterschied macht.

спасибо Moskau, спасибо Russland

Ich komme wieder.

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