Mein Erasmusaustausch an der Leuphanauniversität in Lüneburg

Klimaneutraler Campus, Fakultät für Nachhaltigkeit, Deutscher Solarpreis, Leuphanasemester…

Ein wenig neidisch, was an der Lüneburger Universität schon alles in Richtung Nachhaltigkeit passiert, gleichzeitig neugierig und erwartungsvoll, welche Ideen ich für die mdw in meinen Koffer packen könnte, so begann meine Reise nach Lüneburg – natürlich CO2-sparend – mit der Deutschen Bundesbahn.

Bereits vor meiner Abreise hatte ich Mailkontakt mit Irmhild Brüggen, der zuständigen Umweltkoordinatorin. Sie ist als Stabstelle dem Präsidium (=Rektorat) zugeordnet, dem sie berichtet und vorschlägt. Ich wurde während der ganzen Woche sehr gut von ihr betreut, sie organisierte meine Begegnungen in den verschiedenen Instituten und war in allen Belangen meine Ansprechpartnerin.

Montag und Dienstag (26. und 27. Februar 2018)

An beiden Tagen hatte ich bis auf eine kurze Mittagspause durchgehend volles Programm. Ich besuchte das Centre for Sustainability Management, den Mobilitätsbeauftragten an der Fakultät für Kulturwissenschaften und das Institut für Ökologie.

Jeden Tag ging ich bei klirrend kaltem Wetter zu Fuß durch die wunderschöne Altstadt von Lüneburg ca. 40 Minuten zur Universität und wieder zurück, meine “aktive Pause” vor und nach der Arbeit. Trotz eisiger Temperaturen und Schnee waren stets viele Lünebürger_innen jeden Alters (!) mit dem Fahrrad unterwegs.

Leuphana
Die Leuphanauniversität ©Martin Klindtworth

Die Leuphanauniversität

Die Leuphana ist eine junge Universität mit ca. 9.000 Studierenden, davon etwa 14,5 % internationale Studierende, ca. 700 Lehrende (davon 170 Professuren) und ca. 460 Mitarbeiter_innen der Verwaltung.

Das Leitbild der Leuphana gründet auf den drei Grundkonzepten: Humanismus, Nachhaltigkeit und Handlungsorientierung. Nachhaltigkeit bedeutet für die Universität eine ganzheitliche und kontinuierliche Herausforderung. Um dieses Thema in seiner ganzen Breite zu erforschen und in einer Vielfalt an Studienprogrammen anzubieten, verfügt die Leuphana über die europaweit erste und bislang einzige Fakultät für Nachhaltigkeit.

Der Campus und das Zentralgebäude (Libeskindbau)

Der zentrale Campus wurde bis Mitte der 1990er Jahre als Kaserne der Bundeswehr genutzt und besteht aus 24 traditionellen streng gegliederten Backsteingebäuden. Dazwischen befinden sich moderne und lichtdurchflutete Hörsaal- und Bibliotheksbauten, Grünflächen und ein Biotop. Die Universität nutzt 100 Prozent Ökostrom, wird mit regenerativer Wärme versorgt und hat auf zehn Gebäuden Photovoltaik-Anlagen installiert.

Libeskindbau
Libeskindbau ©Cordelia Ewerth

Nachhaltigkeit im Zentralgebäude

Das Leuphana Zentralgebäude entspricht dem Anspruch der Leuphana, einen beispielgebend nachhaltigen Campus zu bieten. Das neue Zentralgebäude wurde im Jahre 2010 auf der Expo Shanghai als eines der energieeffizientesten öffentlichen Gebäude der Welt präsentiert.

Höchste Ansprüche an die energetische Qualität, die Wärme- und Kühlleistung, sparende, selbstverschattende Fassadengestaltung, ein intelligentes nutzerbezogenes Gebäudeleitsystem, ein effizientes Lüftungskonzept und Niedrigenergienutzung für die optimierte Einbindung in das Campus-Energiesystem machen den innovativen und wegweisenden Charakter des Neubaus deutlich.

Die für den Betrieb noch benötigte Energie wird – wie auf dem gesamten Campus – aus erneuerbaren Quellen bereitgestellt. Die Wärme kommt aus einem mit Biogas betriebenen Blockheizkraftwerk, Solaranlagen auf den Campusgebäuden liefern zusätzlichen Strom, die bereits 25 % des Bedarfs decken.

Nachteile

CO2-Ampeln in den Büroräumen: Die Fenster gingen bis vor kurzem automatisch nur auf, wenn der Zeiger in den roten Bereich kam. Es wurde nachgebessert, sodass die Fenster nun auch geöffnet werden können, ohne dass der Zeiger den roten Bereich erreicht.

Alle Lichtquellen automatisch mit Bewegungsmeldern, es kann nicht händisch ausgeschalten werden, das war sehr unangenehm bei einem Seminar, wo ein Film gezeigt wurde, Licht konnte nicht abgedreht werden.

Anmerkung: Der Mensch sollte auch bei einem “smarten, selbstdenkenden Gebäude” die Technik beherrschen können und nicht umgekehrt.

Nachhaltigkeit / Besonderheiten am Campus

Überall in den Sanitärräumen gibt es nur kaltes Wasser.

Heizung zentral gesteuert, Raumtemperatur generell 20 Grad. In bestimmten Seminarräumen steuern Präsenzmelder die Heizung und das Licht und die Heizung fährt dort bei geöffnetem Fenster automatisch runter.

Flächendeckende LED-Beleuchtung: Seit 2014 deckt die Leuphana 20% ihres jährlichen Strombedarfs über ihre Photovoltaikanlagen ab.

In der Verwaltung

Eine komplett zentrale Beschaffung wurde seit Jänner 2017 eingeführt. Die Einkäufe müssen rechtzeitig geplant werden, das gilt wirklich für alles, jeden Kugelschreiber, jede Kekspackung bzw. auch Kaffee für Bewirtung von Gästen usw. Das hat teilweise viel Unmut hervorgerufen, das Argument für diese Maßnahme lautet stets: “Wir leben ja von Steuergeldern.”

Anmerkung: Rechnungen werden sehr umständlich und kompliziert verwaltet, es müssen extra Papiere für jede einzelne Rechnung ausgefüllt werden, da sind wir “Lichtjahre” voraus, großes Erstaunen bei allen über unsere elektronische Rechnungsverwaltung.

Die Konferenz Mittwoch – Freitag (28. Februar – 2. März 2018)

Vor der Eröffnung der Konferenz gab es vormittags ein Fachforum “Lebenswelt Universität”. Dieses hatte die Senatskommission Nachhaltigkeit als Schwerpunkt für alle Mitarbeiter_innen der Universität gesetzt, um gemeinsam die – schon in vielfältiger Weise nachhaltige Lebenswelt – weiterzuentwickeln. Auch ich durfte mich bei einem der vier Workshops zu den Themen “Räume der Begegnung”, “Konsum”, “Ideen- und Gedankenförderung” sowie “Gesundheit” einbringen.

Die Workshops wurden alle von Lehrenden der Leuphana geleitet. Die in den verschiedenen Workshops erarbeiteten Vorschläge wurden sowohl gegenseitig vor den einzelnen Gruppen, als auch bei der Konferenz im größeren Rahmen präsentiert. Die Umweltkoordinatorin leitet die Ideen dann an das Präsidium (=Rektorat) weiter.

Ich wählte “Konsum” und siehe da, ich konnte bezüglich nachhaltiger Veranstaltungen sehr viel von der mdw weitergeben. Alle Workshopteilnehmer_innen waren sehr angetan von unserem Gütesiegel “fairanstalten”. Es gab dann auch noch eine Gesprächsrunde zur internen Kommunikation und Vernetzung (das dürfte überall ein Problem sein) und ich konnte ganz stolz von unserem Mentoring und Job Rotation-Programm erzählen. Ich wurde gebeten, darüber Infos per E-Mail zu senden.

Eröffnung der Konferenz

Eröffnet wurde die Konferenz durch das Orchester des Wandels gemeinsam mit einer Videoinstallation von den Studierenden der Universität vor 1100 Besucher_inne_n im voll besetzten Auditorium des Zentralgebäudes.

Was ist die Konferenzwoche:

Gut 1.500 Studierende aus dem ersten Semester spüren jedes Jahr ab Oktober unter den vorgegebenen Titeln die Zukunft auf. Während der Konferenzwoche präsentieren sie ihre Einsichten aus dem Modul “Wissenschaft trägt Verantwortung” der Leuphana und der ganzen Stadt.

Es gab eine Fülle an Seminaren, Workshops, Präsentationen der Studierenden, Ausstellungen, Filme, zu verschiedensten Themen.

Erasmus Leuphana
©Lea Elena Kiehn

Das Leuphanasemester

An der Leuphanauniversität beginnt das Bachelorstudium seit nun mehr 10 Jahren mit dem Leuphana Semester. In diesem fächerübergreifenden Einführungssemester erwirbt jede/r Studierende die ethischen und kulturellen Grundlagen wissenschaftlicher Tätigkeit. Das Leuphana Semester umfasst fünf thematisch verbundene Lehreinheiten – die sogenannten Module. Es beginnt mit einer Startwoche am Semesteranfang und endet mit der Konferenzwoche am Semesterende.

Im Rahmen der drei fächerübergreifenden Module Verantwortung, Verstehen und Methoden I setzen sich die Studierenden intensiv mit verschiedenen Sichtweisen aus Wissenschaft sowie mit wissenschaftlichen Methoden auseinander.

Das fachübergreifende Modul “Wissenschaft trägt Verantwortung” befasst sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die Ringvorlesung und die begleitenden Tutorien geben den Studierenden einen Überblick über das vielschichtige Thema. In parallel dazu stattfindenden Projektseminaren dürfen die Studierenden selbst Fragestellungen finden und das erworbene Wissen im Sinne des Forschenden Lernens in einem ersten eigenen kleinen Forschungsprojekt anwenden. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten präsentieren die Studierenden am Ende des Semesters im Rahmen einer studentischen Konferenz. Die Studierenden lernen so in einem geschützten Rahmen genau die Schritte kennen, die Wissenschaftler_innen in ihrem Forschungsprozess auch gehen.

Komplementärstudium

Ab dem zweiten Semester tritt neben das Fachstudium das Komplementärstudium. In ihm können unter anderem soziale Fähigkeiten, Sprachqualifikation, künstlerische Kompetenzen oder philosophische Aspekte vertieft werden. Das Komplementärstudium soll disziplinenübergreifendes Denken vermitteln und Kompetenzen schulen, die über das reine Fachwissen hinausgehen. Seit dem Wintersemester 2012/13 gibt es z.B. die Möglichkeit ein studienintegriertes Gender-Diversity Zertifikat “Um die Ecke denken” zu erwerben. Das Studienmodell der Leuphana wurde mehrfach ausgezeichnet.

Reflexion auf der Heimfahrt

Mit einem schweren Koffer voll beladen mit Ideen, Gedanken, Überlegungen, stehe ich am Lüneburger Bahnhof. Die fast neunstündige Bahnreise zurück ist der ideale Zeitraum zum Nachdenken. Während eine bilderbuchhafte Schneelandschaft an mir vorüberzieht, versuche ich meine Gedanken zu ordnen:

Es war eine sehr inspirierende Woche und ein bereichernder Austausch. Ich habe mich an der Leuphanauniversität sehr wohl gefühlt. Alle Kolleg_inn_en waren ausgesprochen herzlich, nahmen sich Zeit und kümmerten sich sehr nett um mich (überall gab es Tee, Kaffee, Kekse).

Ich habe wieder einmal festgestellt, dass die mdw in vielen Bereichen bereits innovativ und vorbildlich handelt.

Seit Jahren gibt es an unserer Universität die elektronische Rechnungsverwaltung, einfach und unbürokratisch.
Auch das Mentoring und das Job Rotation Programm ist schon lange Bestandteil der Personalentwicklung. Die mdw bezieht seit Anfang 2018 zu 100% Ökostrom.

Seitdem die “grüne mdw” direkt beim Vizerektorat für Organisationsentwicklung, Gender & Diversity angesiedelt ist, hat sich auch bei uns noch mehr weiterbewegt. (Österreichisches Umweltzeichen für Green Meetings, Beitritt zur Allianz nachhaltiger Universitäten in Österreich und zum Netzwerk gesundheitsfördernder Universitäten, u.v.m.)

Trauen wir uns doch neue, ungewohnte Wege in Richtung Zukunft zu beschreiten und unsere Studierenden mit den notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten auszustatten, um aktiv gestaltend an einer nachhaltigen Entwicklung mitzuarbeiten.

Angekommen in Wien Hauptbahnhof.

Herzlichen Dank an alle, die mir diese Reise ermöglicht haben!

 

Infos über Nachhhaltigkeit an der Universität auf der Website der grünen mdw:

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