Neue Wege an der Newa

Erasmus+ Projekte nach Russland sind bisher noch nicht so häufig wie in andere Länder durchgeführt worden. Umso schöner ist nun der Rückblick auf ein erfolgreiches neues Projekt der mdw mit dem Sankt Petersburger Konservatorium.

Newa
Das unbeschreiblich schöne Licht an der Newa

Warum Russland?

Liegt es an der Sprache oder der Schrift, dass Mobilitäten nach Russland bisher eher die Ausnahme waren? An den Menschen liegt es definitiv nicht! Denn so eine Herzlichkeit und Begeisterung für eine Sache habe ich selten so intensiv erlebt wie bei den Studierenden in Sankt Petersburg. Nun mag es daran liegen, dass mir die Stadt durch zahlreiche frühere Aufenthalte sehr vertraut ist. Auch tragen langjährige schon bestehende Freundschaften natürlich zum Wohlfühlen bei. Aber ich kann mich auch noch an meinen ersten Aufenthalt vor elf Jahren erinnern, als für mich noch alles komplett neu war. Dass es genau diese menschliche Wärme und Begeisterung war, die mich seitdem an Russland fasziniert. Und so habe ich natürlich nicht lange gezögert, als ich erfahren habe, dass Erasmus+ auch Russland umfasst und habe gemeinsam mit Anita Taschler vom International Office ein Projekt mit dem Sankt Petersburger Konservatorium organisiert.

Russland und die Musikphysiologie

Die Musikphysiologie ist ein Fachgebiet, das in Russland bisher landesweit nicht bekannt ist. Eigentlich kann man sich das bei dem hohen künstlerischen Niveau und der Vielzahl von Spitzenmusiker_innen, die Russland und die frühere Sowjetunion seit Jahrhunderten hervorbringt kaum vorstellen. Aber es ist die Realität.

Kollegen
Mit den russischen Kollegen auf dem Schlossplatz

Für Musiker_innen, die Schmerzen oder andere spielbedingte Beschwerden wie z.B. Aufführungsangst entwickeln gibt es keine Therapiemöglichkeiten oder spezifischen Unterricht an den musikalischen Ausbildungsstätten. Die Situation erinnert an die in Europa vor 50 Jahren, als Musiker_innen entweder mit den Anforderungen ihres Instruments klarkamen oder zwangsläufig den Beruf wegen ihrer Beschwerden aufgeben mussten.

Auch in Europa ist die Musikphysiologie in ihrer wissenschaftlichen und systematischen Form erst seit Mitte der 1970er Jahre an den Musikuniversitäten und -hochschulen vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent. Die mdw besitzt personell eine der größten Abteilungen. So profitieren die Studierenden hier von einem umfangreichen Fächerangebot zu dem unter anderem Entspannungstraining, Atemphysiologie, Körperarbeit, Bewegungsanalyse am Instrument, mentales Training, Probespieltraining und wissenschaftliches Arbeiten gehören. Die Zielsetzungen in der Musikphysiologie sind vielfältig, können aber grob in die beiden Bereiche Prävention/Leistungsoptimierung und Verbesserung von Schmerzen beziehungsweise Spielbeschwerden eingeteilt werden.

Vor allem die akute Schmerzsituation stellt Studierende und Lehrende gleichermaßen vor Herausforderungen. Führen schon ein geringes Unwohlsein oder Verspannung zu einer Änderung des Muskeltonus und damit zu einem veränderten Spielgefühl, machen handfeste Schmerzen oder Entzündungen der Muskulatur und Sehnen ein qualitativ hochwertiges Spiel unmöglich. An der mdw können sich die Studierenden dann sofort an die Abteilung Musikphysiologie wenden und werden umfassend betreut. An den Konservatorien in Russland sind sie hingegen auf sich allein gestellt. In Anbetracht der vielen musikalischen Talente, die unter ständigen Schmerzen trotzdem täglich üben, ist es mir persönlich eine Herzensangelegenheit, die Möglichkeiten, die die Musikphysiologie bietet auch in Russland bekannter zu machen.

Baustelle
Die Renovierung des historischen Konservatoriums wird sich unter den Augen von Michail Glinka wohl noch einige Jahre hinziehen.

Das Projekt “Teacher Training Musikphysiologie”

Gang
Das jetzige Konservatoriumsgebäude erinnert mit seinen unendlichen Gängen manchmal ein bisschen an ein Spital…

Wie sieht nun ein Austauschprojekt aus, wenn nur an einer der beiden Partneruniversitäten das Fach gelehrt wird? Anstelle eines klassischen Austauschs wurde in meinem Fall ein sogenanntes “Teacher Training” durchgeführt. Zwei Professoren des Sankt Petersburger Konservatoriums – ein Klavierkammermusikprofessor und eine Geigenprofessorin – kamen im März 2019 an die mdw, um in den verschiedenen Fächern der Musikphysiologie zu hospitieren und die Möglichkeiten überhaupt einmal in der Praxis kennenzulernen. Ein weiteres Ziel war, dass die Kolleg_innen auch kleinere Übungen erlernen, die sie danach zu Hause mit ihren Studierenden im Unterricht einsetzen können.

Ich selbst habe dann Ende Mai für fünf Tage in Sankt Petersburg Studierende unterrichtet sowie den Instrumentalunterricht der beiden beteiligten Professor_innen supervisiert.

Sowohl beim Aufenthalt der russischen Kolleg_innen in Wien als auch bei meiner Tätigkeit in Sankt Petersburg traten vielfältige Unterschiede in Lehre und Praxis zutage, die äußerst interessant zu beobachten waren.

Unterricht

Ich persönlich konnte feststellen, dass der Instrumentalunterricht in Russland im Allgemeinen hierarchischer stattfindet als in Europa. Weiterhin kommt man ohne Zeitverschwendung und überflüssiges Reden sofort zur Sache. Auch Kritik – positiv wie negativ – wird äußerst direkt geäußert. Dies erscheint für Europäer mitunter hart, führt aber bei ehrgeizigen Musiker_innen zu einer hohen Leistung und zügigem Vorwärtskommen.

Im musikphysiologischen Unterricht ist aber genau dieses Verhalten nicht sonderlich förderlich. Denn hier geht es um Spüren, Ausprobieren, Abwarten und andere Spannungszustände Zulassen. Ein perfektes Spielen abliefern egal auf welche Kosten ist in der Musikphysiologie uninteressant. Wer es aber nicht gewohnt ist, dass im Unterricht Fehler gemacht werden dürfen, weil sie zum Lernprozess gehören, ist natürlich erst einmal irritiert. Hier hatten manche Studierenden Angst, sich vor den Kommiliton_innen zu blamieren. Diese Angst legte sich aber sehr schnell, wenn sie erkannt haben, dass der Weg zum Ziel einfach ein anderer ist. Und wenn sie sehen, dass die Dozentin auch einmal in Socken dasteht oder sich zur Demonstration einer Übung selbst auf den Boden auf die Matte legt!

Unterricht
Im praktischen Unterricht mit einer Studentin

Allgemein geht man Dinge in Russland mit einer großen Ernsthaftigkeit und Ausrichtung auf ein Ziel an. So auch das Üben. Schmerzen beim Musizieren werden oft noch als persönliches Versagen betrachtet. Man hat eben nicht gut geübt und muss deshalb noch weiter üben. Ein Teufelskreis, den es nur langsam gelingt zu durchbrechen, da die Traditionen sehr stark sind. Und diese Traditionen sind ja keinesfalls schlecht, denn die erfolgreichen Musiker_innen geben ihnen ja Recht! Aber der Körper kann eben nicht unendlich gefordert werden, selbst wenn der Wille da ist. Hier war im Unterricht immer wieder Fingerspitzengefühl gefragt, um die Balance zwischen Leistung und Erholung zu verdeutlichen. Vielleicht spielt auch hier die den Russ_innen nachgesagte hohe Leidensfähigkeit und unendliche Geduld eine Rolle, warum Schmerzzustände so lange ertragen werden und der Gedanke an Regeneration oder Wohlgefühl beim Spielen noch wenig vorhanden ist.

 

Schier unendlich vorhanden war dagegen die Begeisterung und das Interesse an einer Sache, zu der die Studierenden sonst keinen Zugang haben. Allerdings hier hauptsächlich von Studierenden, die bereits eine Problematik aufwiesen. Präventionsgedanken bzw. die Erkenntnis, dass man mit Hilfe musikphysiologischer Übungen auch seine Spielleistung verbessern kann waren für mich noch nicht erkennbar. Das war auch in der Administration und in der Art der offiziellen Ankündigung des Projekts sichtbar. Dass man einen Unterricht abhalten kann, der sowohl am Instrument als auch mit Körperübungen stattfindet, konnten sich die Personen der Organisation trotz Erklärungen einfach nicht vorstellen. Das hat mich dann doch sehr an die Anfänge meiner Unterrichtskarriere vor 20 Jahren erinnert. Die exzellent vorbereiteten Studierenden sowie Gasthörer_innen, die teilweise weit aus anderen Städten zum Zuhören angereist kamen, machten diese leichte Inflexibilität aber mehr als wett.

Schild
Das offizielle Schild des Rimsky-Korsakov- Konservatoriums

Die Stadt

Was für Worte soll man wählen, um diese wunderbare Stadt – ehemalige Hauptstadt des Russischen Kaiserreichs und jetzige Kulturhauptstadt Russlands – zu beschreiben? Zur Zeit wird es auch nachts nicht komplett dunkel und man kann sich stundenlang entlang der Kanäle und erleuchteten Gebäude treiben lassen. Ein Highlight ist natürlich immer das Öffnen der Brücken ab ca. 1.00 Uhr früh, wenn ganze Stadtteile dann tatsächlich für eine Zeitlang voneinander abgeschnitten sind. Es ist absolut verständlich, warum die Zeit der weißen Nächte zur Hauptreisezeit aller Sankt Petersburg-Tourist_innen gehört. Dementsprechend belebt ist es auch in der ganzen Stadt, vor allem im Bereich der Eremitage, des Schlossplatzes und des Newskii-Prospekts.

Kanal
Beim Spaziergang an einem der zahlreichen Kanäle

Durch die schon erwähnten früheren Aufenthalte kenne ich die  Stadt allerdings recht gut, so dass ich auf das übliche Sightseeing-Programm verzichtet habe und stattdessen lieber mit meinen Freund_innen und Student_innen gemeinsam die Zeit in Kaffeehäusern mit interessanten Gesprächen verbracht habe.

Bruecke
Das nächtliche Spektakel der geöffneten und beleuchteten Brücken

Darüber hinaus habe ich mich einer beliebten russischen Aktivität gewidmet – dem Spazierengehen! Und das kann man bei dieser wunderbaren Kulisse aus Parks, Palästen und Häusern berühmter Schriftsteller, Komponisten und Herrscher einfach unendlich lange.

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