Nordische Akademie

Beim Nordplus Intensive Project in Riga/Lettland

Ende März/Anfang April des Jahres wurde ich im Rahmen der Erasmus Lehrenden-Mobilität mit einer eher unüblichen, vielseitigen Aufgabe betraut: Maja Sipola, Vizerektorin für Internationale Beziehungen der Musikakademie Riga und als solche auch für Erasmus Programme zuständig, war schon im Januar über unser Büro für Internationale Beziehungen an mich persönlich mit der Frage herangetreten, ob ich Zeit, Lust und Interesse hätte, im Coaching der hohen Sreicher für ein Konzert mit barocker und klassischer Musik mitzuhelfen. Darüber hinaus sollte ich auch eine grundsätzliche Einführung in barock-klassische Spieltechniken für sogenannte “moderne” Streicher geben. Auf der Suche nach einer geeigneten Persönlichkeit hatte man bei Durchsicht der Homepage unseres Joseph Haydn Instituts für Kammermusik, Alte Musik und Neue Musik erfahren, dass ich seit Jahren erfolgreich das neu aufgebaute “Collegium musicum der mdw” als Konzertmeisterin, Studienleiterin und Streichercoach betreue und kurzerhand beschlossen, mit mir in Kontakt zu treten.

Das “Nordplus Intensive Project” vom 28. März bis 4. April 2019 an der Musikakademie in Riga war eine Kooperation mit Studenten und Lehrern der Musikuniversitäten aller baltischen Länder plus Finnland, vertreten durch die Sibelius Akademie Helsinki. Unter der künstlerischen Leitung und solistischen Mitwirkung des russisch-israelischen Geigers Sergey Ostrovsky sollte innerhalb einer Woche ein Konzertprogramm einstudiert und an verschiedenen Orten aufgeführt werden. Dieses enthielt neben einem Stück zeitgenössischer Musik mit Johann Sebastian Bachs viertem Brandenburgischen Konzert und der zweiten Orchestersuite in h-moll, sowie Joseph Haydns Sinfonie Nr.45 in e-moll vor allem Werke des 18. Jahrhunderts. Und gerade für dieses Repertoire wurde auch eine stilistisch entsprechende Anleitung von meiner Seite erwartet.

In der Praxis erwies es sich das als gar nicht so einfach. Da der Projektleiter beschlossen hatte, sich allein um die Violinen zu kümmern und ein Cello-Kollege sich der tiefen Streicher annahm, blieben mir die Bratschen. Das war insofern kein Problem, als unter den an der mdw von mir im Fach Barockvioline unterrichteten Studierenden in den letzten Jahren auch ständig etliche Viola-SpielerInnen sind. So bin ich sowohl mit deren Repertoire als auch mit spezifischen Problemen vertraut, was sich in Riga bestens bewährt hat.

Jocelyne Rainer

Als Ergänzung und Vertiefung zur praktischen Einstudierungs- und Probenarbeit war dann der Workshop über barockes und klassisches Streicherspiel gedacht, den ich am 2. und 3. April abhielt.Demonstrationen ausgesuchter Beispiele etwa barocker und klassischer Striche – zum Teil mit mitgebrachten historischen Bögen – fanden großes Interesse und wurden heftig diskutiert. Darüber hinaus konnte ich auch Einzelstunden für Geiger und Bratschisten zum entsprechenden Repertoire anbieten, die lebhaften Zuspruch fanden. Schließlich betreute ich einige Stücke des Barockensembles der Akademie.

Ein guter, d.h. verlässlicher Text, ohne Zutaten des jeweiligen Herausgebers, als notwendige Basis für ein seriöses Studium des Programms wurde eingehend besprochen und nachdrücklich gefordert. In diesem Punkt ist man bei uns vielfach weiter als anderswo. Umgekehrt sollte die alleinige Verwendung von Erstdruck- und womöglich gar nur Handschriftenfaksimiles als Arbeitsgrundlage für die Praxis in Zweifel gezogen werden. An konkreten Beispielen mit einer Barockgruppe erwies sich, dass sowohl Studienzeit als auch Überblick dadurch verloren gehen.

Ich musste feststellen, dass man im Baltikum von den Bestrebungen der Konservatorium Wien-Privatuniversität in Richtung eines Studiums der Alten Musik wusste, die Kompetenzen und das Potential der mdw in diesem Sektor, abgesehen von zufälligen Ausnahmen wie der meinigen, kaum wahrgenommen hatte. Das sollten wir doch zukünftig ein bisschen zurechtrücken.

Einige Ausschnitte aus dem im Zusammenhang des Projekts entstandenen Videos mögen meine Arbeit mit den Studierenden der baltischen und nordischen Länder dokumentieren. Mein Bestreben geht vor allem dahin, die Impulse, welche – wie international mehr und mehr zur Kenntnis genommen wird – die Historische Musikpraxis für eine zeitgemäße Orchester- und Kammermusikkultur zu geben imstande ist, für ein bestimmtes, dennoch stilistisch breites Repertoire von über 200 Jahren Musikgeschichte zu erproben und zu nutzen. Weiterhin wollte ich vermitteln, dass dieses Wissen noch weit über die barock-klassische Zeit hinaus reicht und unentbehrlich ist. Ich hoffe, dies konnte im Zug von “Nordplus” meinerseits deutlich gemacht werden. Wir sollten es an der mdw weiter pflegen, erforschen und in der Lehre – auch im Ausland – anbieten.

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