Zweimal Winter auf den zwei Hemisphären – Mein Erasmusjahr 2019

Universität Stellenbosch in Südafrika und Gnessin-Musikakademie in Russland

Mein letzte “Erasmuserfahrung” liegt lange zurück. Im Jahr 1997 kam ich als Outgoing-Student von der Universität Pavia (Italien) für zwei Semester nach Wien und blieb – wie man hier in Wien so schön sagt – hängen. Das wäre allerdings ein anderes Kapitel meines Lebens…

22 Jahre später: Ich forsche und lehre am Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung der mdw und hatte 2019 im Rahmen des Erasmus+ Programmes wieder die Möglichkeit, andere universitäre Realitäten kennenzulernen. Und zwar gleich zwei in einem Jahr! Ich besuchte im Juli die südliche und in November die nördliche Hemisphäre, traf somit zweimal den Winter an.

Strand in Kapstadt
Moskau, Arbeiter und Kolchosbäuerin, Statue Vera Muchina

Die Fotos machen deutlich, dass der südafrikanische Winter (viel Wind und Regen) und der russische mit seiner Dunkelheit und trüben Farben nicht wirklich miteinander vergleichbar sind. In Kapstadt verweilten die Menschen – auf den Sonnenuntergang wartend – am Strand und spielten Beachvolleyball. In Moskau gab es leider noch keinen Schnee (aber auch keine Sonne) und alle Einheimischen wunderten sich über die überdurchschnittliche Wärme. Viele Moskauer_innen spazierten aber trotzdem schon mit der typischen Pelzkappe auf den breiten und prächtigen Alleen der Stadt.

Universität Stellenbosch, Musikabteilung
Gnessin Akademie, Konzertsaal

Nicht nur der Winter unterscheidet sich in Südafrika und Russland. Auch die akademischen Strukturen und Systeme, mit denen ich in den zwei wöchentlichen Austauschprogrammen in Südafrika und Russland konfrontiert war, waren sehr verschieden (sowohl untereinander als auch im Vergleich mit unserer Universität hier in Wien). Die Dimensionen sind viel kleiner (sowohl was die Anzahl der Studierenden und der Lehrenden betrifft) und die Forschungsthemen aufgrund der Länderkulturen und jeweiligen Kanons sind auch ganz andere. Ich hatte Einsicht in diese mir fremden Lehr- und Forschungskulturen, konnte neue Repertoirekanons kennenlernen und davon intellektuell sehr profitieren (auch wenn eine Woche dafür unzureichend ist). Ich bedanke mich daher ganz herzlich im Nachhinein bei allen kontaktfreudigen und neugierigen Kolleg_innen und Student_innen, die mir dabei geholfen und mich begleitet haben.

Die Idee, in Südafrika eine Mobilität zu beantragen, ging nicht zuletzt auch aus bereits bestehenden Kontakten mit Musikwissenschaftler_innen (Mareli Stolp) und Interpret_innen (Jill Richards) dieses Landes hervor. Mareli hat ein Kapitel über die Didaktik der Musikgeschichte in dem gerade erschienenen und von mir mitherausgegebenen Buch ANKLAENGE 2018. Die Musikgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts im universitären Unterricht – The Teaching of Twentieth- and Twenty-First-Century Music History at Universities and Conservatories of Music“ geschrieben. Darauf aufbauend wollte ich in meinem Unterricht in Südafrika genau dieses Thema vertiefen, habe das Buchprojekt vorgestellt und mit Kolleg_innen und Studierenden einige Teile des Buches analysiert und diskutiert.

Meine Lehrveranstaltung in Stellenbosch

Darüber hinaus habe ich als Hörer an Vorlesungen teilgenommen (gleichzeitig mit mir war auch der aus Ghana stammende und in Princeton unterrichtende Musikwissenschaftler Kofi Agawu in Stellenbosch zu Besuch). Ich fand etwa sein Vorlesungskonzept über „African Art Music“ sehr interessant, vor allem die Zusammenarbeit mit den Kompositionsklassen: Am Ende seiner Vorlesung wurden Kompositionen von zwei Studentinnen vorgestellt, die sich künstlerisch mit den Fragen der Vorlesung „What is supposed to be African Art Music?“ auseinandersetzten.

Lehrveranstaltung von Kofi Agawu

Den größten Teil des Aufenthaltes habe ich aber mit „Weiterbildung“ in den Bibliotheken und Archiven der Universität verbracht. Hauptsächlich habe ich nach Partituren südafrikanischer Komponist_innen des 20. und 21. Jahrhundert gesucht, um sie dann hier in Wien in meinen musikgeschichtlichen Vorlesungen und Seminare vorzustellen. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind nämlich Komponist_innen vom afrikanischen Kontinent in Wien unbekannt. Ganz beeindruckend waren auch die Besuche des „Hidden Years Music Archive“, einer einzigartigen Institution, die aufbauend auf der Sammlung des Musikers, Tontechnikers und Musikproduzenten David Marks, alternative und unterdrückte Musik aus der Apartheidsperiode in Südafrika dokumentiert, sammelt, historisch aufarbeitet, digitalisiert und der Öffentlichkeit vorstellt.

African Open Institute for Music, Research and Innovation (Hidden Years Music Archive)
Mitarbeiter_innen des Archivs
Plakate mit öffentlichen Veranstaltungen des Archivs

Impressionen aus Südafrika (jenseits des Akademischen)

Straße in Johannesburg
Kruger Nationalpark
Kapstadt, Langa Township
Opernhaus in Kapstadt

Der Auslöser für den Auslandsaufenthalt in Moskau war u.a. meine Teilnahme an der Internationalen Konferenz ОПЕРА В МУЗЫКАЛЬНОМ ТЕАТРЕ: ИСТОРИЯ И СОВРЕМЕННОСТЬ (Opera in Musical Theater: History and Present Time), die Mitte November an der Gnessin-Musikakademie stattfand.

Konferenz “Opera in Musical Theatre”

Mein Vortrag mit dem Titel „Opera translation(s) documenting conflicts of ‚musical cultures‘“ fand gleich am ersten Tag der dichten Konferenz statt. Ich wollte unbedingt auch andere Erfahrungen an der Moskauer Institution sammeln. So fand ich in den folgenden Tagen genug Zeit, um neben den Vorträgen bei der Konferenz mein Erasmus+ in Form von Weiterbildungsmaßnahmen und Lehre zu absolvieren – ich nahm an Vorlesungen teil, um zu erfahren wie die pädagogischen Vermittlungsstrategien in Russland funktionieren, wurde dann aber dank meiner italienischen Muttersprache auch gleich in einer Lehrveranstaltung (Italienisch für Sänger_innen) als mitwirkender Lektor eingebunden. Selber hielt ich eine Vorlesung über „Current Austrian Scenes of New Music“, die mit Neugier und Interesse von ca. 20 Student_innen der Lehrgänge Musikwissenschaft, Musikjournalismus und Musikpädagogik besucht wurde.

Mein Unterricht in Moskau

Beim Unterricht an der Gnessin
Meine Lehrveranstaltung an der Gnessin
Mit den Studierenden

Meine Lehrveranstaltung in Stellenbosch

Die Neugier und aktive Präsenz der Student_innen hat mich während des ganzen Aufenthalts an der Gnessin immer wieder beeindruckt und überrascht: Sie waren bei den wissenschaftlichen Aktivitäten der Akademie, wie beim vorher erwähnten Kongress eingebunden und kümmerten sich eifrig um Organisatorisches, die Gäste und Kolleg_innen.

Konferenzeröffnung
Überfüllte Gänge mit übenden Studierenden

Dass die Moskauer Institution auf Ihre Absolvent_innen und Lehrer_innen stolz ist, ist allgegenwärtig: Valery Mikhaylovich Khalilov (1952-2016), ehemaliger Leiter des Militärkapiteldienstes der russischen Streitkräfte, bekannt als Dirigent der Massenkonzerte der russischen Militärkapellen bei der jährlichen Parade am 9. Mai (Tag des Sieges) auf dem Roten Platz in Moskau und Lehrer an der Gnessin, schmückt prominent den Haupteingang der Institution.

Valery Mikhaylovich Khalilov

Metalltafeln geben überhaupt an, welche Lehrer_innen in welchen Räumen unterrichtet haben. Die Tür (und Türschild) des Unterrichtsraums, in dem Aram Chatschaturjan gewirkt hat, ist zum Beispiel am folgenden Foto zu sehen:

Expressive schwarz-weiß Fotos ehemaliger Stundent_innen und Lehrer_innen hängen überall im Stiegenhaus und erinnern an die kulturelle Tradition des Hauses.

Impressionen aus Moskau (jenseits des Akademischen)

Vor dem Kosmospavillon bei der „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ (ВДНХ)
Skulptur im Garten des Hauses der Architekt_innen
Karl Marx-Statue auf dem Teatral’nij Proezd
Juri Gagarin Statue

Ich empfehle allen Kolleg_innen, die Möglichkeit eines Erasmus+ Aufenthalts in Betracht zu ziehen und hoffe, in Zukunft selber erneut einen oder mehrere Aufenthalte an Universitäten im Ausland im Rahmen des Programms zu absolvieren.

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