An der Estnischen Akademie für Musik und Theater

Musik und Improvisation in Tallinn

Im Jänner 2020 durfte ich sechs Tage lang im Zuge des Projektes für die Modernisierung Höherer Musikalischen Ausbildungsstätten durch Improvisation (auf Englisch Modernizing European Higher Music Education through Improvisation) nach Tallin reisen. Ich hatte das Vergnügen als Student mit Frau Manon Winter und Burkhart Stangl Vertreter für die mdw – Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien dort zu sein. Trotz der kurzen Aufenthaltsdauer war es ein einmaliges und spannendes Erlebnis, einen anderen Blickwinkel auf das Musizieren in der Gruppe zu gewinnen! Ich hoffe, ich kann die Leser_innen dazu motivieren an der nächsten Tagung teilzunehmen oder eine Reise nach Estland zu wagen! 

Anreise und Ankunft in Tallinn

Tallin ist leider nicht von Österreich aus mit einem Direktflug verbunden, daher muss man je nach Flug einen kleinen Zwischenstopp einlegen. Meine Fluggesellschaft war LOT aus Polen, der 1. Zwischenstopp nach Wien war in Warschau, von dort aus ging es weiter nach Tallinn mit einem etwas kleinerem Flugzeug. Die gesamte Dauer mit Zwischenstopp war circa fünf Stunden. Vom Flughafen, der in Tallinn sehr klein ist, ging es weiter mit einem Taxi. Die Stadt ist nur zehn Minuten entfernt. Die Airbnb-Übergabe an mich erfolgte ohne Probleme, mein Appartement ist wortwörtlich nur Sekunden von der Universität entfernt und ich kann von meinem Balkon aus darauf blicken! Die anderen Studierenden leben auch sehr nahe vom Tagungsort in einem Hotel. Von dort aus geht es auch sehr rasch ins Zentrum von Tallinn, nämlich in die bekannten Altstadt, die gerade einmal fünf Minuten entfernt ist. 

Universität

Die Universität, in welcher die Kurse und Meisterklassen stattfanden, war die Estnische Akademie für Musik und Theater. Sie bietet eine reiche Auswahl an Instrumentalstudien, von Klassik bis Jazz und vor allem Zeitgenössischer Musik, Tanz und Improvisation.

Wodurch diese Universität heraussticht ist, dass dort Neue Musik/Tanz als Hauptfachstudium angeboten werden und man mit diesem Fach auch abschließen kann. Im Vergleich dazu: Im IGP-Studium wird dies als Schwerpunkt angeboten und an der mdw mit verschiedensten Kursen, die es gelegentlich gibt, ergänzt.

Das Gebäude ist sehr modern und bietet zwei Eingänge – einen Eingang, der direkt zu einer riesigen Konzerthalle der Universität führt und einen Eingang für das Studienabteil. Leider konnte ich nicht die genaue Anzahl der Übezimmer herausfinden. Es müssten jedoch – zusammengerechnet mit den freien Unterrichtszimmern – mehr als hundert sein. Aufgefallen ist mir auch, dass dort die Klaviermarke Estonia überall zum Einsatz kommt. In gewissen Räumen stehen auch Bösendorfer und Steinways sowie andere Marken. Man konnte von 8.00 – 23.00 Uhr üben, wenn dafür überhaupt Zeit war.

Kurse und Meisterklassen

Die Tage waren bis auf den Einführungstag auf zwei Teile aufgeteilt. Den Vormittag verbrachte man von 9.00 – 12.30 Uhr weitgehend im gleichen Raum und in einer ausgewählten Gruppe, welche die ganze Woche aufrecht blieb. Am Nachmittag ab 14.00 Uhr musste man sich kurz vor oder nach dem Mittagessen in eine Meisterklasse für Professor_innen eintragen. Die Dauer der Meisterklasse war vier Stunden mit einer Pause, oder man konnte zu zwei Klassen gehen für jeweils zwei Stunden. Die einzelnen Professor_innen kam aus einer anderen Nationen (wobei es sich bis auf England auf skandinavische Länder beschränkte) und unterrichteten auf ihre Weise ihre Improvisationskonzepte. Innerhalb des Vormittagsprogrammes wechselten die Lehrenden. In unserer Gruppe waren auch zeitgenössische Tänzer_innen, oder wie ihre Lehrerin sie bezeichnet hatte, sogenannte „Movers“. 

Erlebnisse und Aufgaben

Die erste Aufgabe war natürlich, die Gruppe kennen zu lernen, die aus verschiedensten Musiker_innen mit unterschiedlichen Instrumenten bestanden.  Es gab Posaune, Trompete, vier Celli, Gesang, Geige elektrische Gitarre, Klavier und viele mehr, was natürlich schon eine interessante Konstellation ergab. Sehr großer Wert wurde auf die Aufwärmübungen gelegt. Diese reichten z.B. von einfachen Balanceübungen bis hin zu Übungen, die die Körperwahrnehmung trainieren (liegen und die eigene Atmung beobachten, dann langsam von kleinen Bewegungen zu großen kommen, die in ein Aufstehen führen). Leider ist es für mich unmöglich, alle Aufwärmübungen aufzuzählen, da es sehr viele waren bei so vielen unterschiedlichen Lehrenden.

Besonders hervorgestochen sind für mich die Übungen von Arne. Dieser hat Stimmübungen mit Körperübungen verbunden, oder z. B. die Rhythmusübung, bei der man sich zu zweit gegenüberstand und den gleichen Puls geklatscht hat. Jedoch durfte man andere Betonungen spielen und den einfachen Viertelrhythmus variieren. 

Beim Improvisieren haben wir begonnen uns in kleinen Trios oder Quartetten kennen zu lernen. Mit eingebunden waren auch die Tänzer_innen, die von der Tanzprofessorin eigene Aufgaben bekamen, von denen die Musiker_innen interessanterweise manchmal nichts wussten. Es gab aber auch klare Zuweisungen, zu welcher Musiker_in sich die Tänzer bewegen (natürlich während das gesamte Ensemble spielte!) oder Aufgaben wie „Spiele, nur wenn sich die Tänzer_innen bewegen“ oder „Spiele das Gegenteil von dem, was sie tun!“. Also langsame Bewegungen schnell und umgekehrt!  So haben wir uns zur großen Gruppe, die dann gemeinsam improvisiert, hingearbeitet und dies dann natürlich getan! Darauf folgten dann Improvisationsaufgaben, dass man in einer bestimmten Zeit spielt oder Zeitrahmen hat! Das ist ohne Uhr wirklich schwer! Oder dass man einzelne Motive oder Ideen beibehält und entwickelt (im tonalen sowie atonalen Raum). 

In den Meisterklassen, die natürlich kleiner waren von der Besetzung her, beschränkte man sich weitgehend auf Improvisation auf dem Instrument. Hierbei gab es auch unterschiedlichste Aufgabenstellungen. Für mich war ganz besonders und auch herausfordernd die Improvisation in den klassischen Stilen im Sinne des „Call and Response“. Man spielt also zu zweit, wobei einer mit einem einfachem Thema beginnt, das auf der 1. Stufe beginnt und auf der 5. Stufe enden muss. Das andere Instrument antwortet auch auf diesen ganz zum Schluss mit seinem eigenem Thema. Dabei muss die Taktzahl und Dauer gleich sein. Dieses Hin- und Herwerfen geht eine Zeit lang weiter (die Antworten werden dabei meist länger) und irgendwann geht es dazu über, das man gleichzeitig improvisiert und auch anhand des Spielens erkennt, wann das Stück endet.

Dies ist eine der vielen Aufgabe vieler Kurse, die ich dort machen durfte, es gab noch unzählige andere, wie z. B. andere Instrumente bzw. Improvisationen imitieren am eigenen Instrument, in gleicher Dauer in einem Kreis nacheinander Einzeltöne, Soli und dergleichen zu spielen. Es war auf jeden Fall sehr abwechslungsreich und fordernd!  

Optional durfte man jeden zweiten Abend bei den Konzerten mitwirken, dies habe ich einmal getan, dabei wird vorher auch nichts ausgemacht und einfach drauflos improvisiert! Oftmals war ich da aber leider zu müde oder habe lieber doch das klassische Klavierspielen im Übezimmer nachgeholt!  

Verpflegung in Tallinn

Wir hatten Gutscheine für das Mittagessen, welches in der Mensa ausgegeben wurde. Am ersten und letzten Tag gab es zu Mittag ein Buffet und abends eine Eröffnungsfeier bzw. Abschlussfeier mit grenzenlosem und vor allem kostenlosen Wein. Rund um die Altstadt gibt es Supermärkte, die auch am Sonntag geöffnet sind und kleine Supermärkte, die sogar 24 Stunden offen haben. In der Altstadt selbst gibt es sehr viele traditionelle und auch exquisite Restaurants (einen Laden, der alles, auch Fleischgerichte in Pancakes serviert!), jedoch sind die etwas teurer. Außerhalb des Stadtkerns gibt es sogar eigene Viertel, u.a. auch ein Viertel, wo es Studentenlokale gibt, die sehr preiswert sind! Das einheimische estnische Bier schmeckt und die Est_innen verbringen sehr viel Zeit drinnen, da es nur sehr wenige Sonnenstunden gibt! Hier und da findet man Bars oder Lokale, die unter der Woche bis 02.00 Uhr offen haben und manchmal die ganze Nacht bis 05.00 Uhr.

Sehenswürdigkeiten 

Da die Kurse sehr lange und intensiv waren, hatte ich eigentlich nur am letzten Tag Zeit, mir die Altstadt bei Tageslicht anzuschauen. Sehenswert waren die vielen Kirchen und die alten Gebäude im schwedischen Stil. Herausragend ist natürlich die Burg von Tallinn und die große orthodoxe Kirche.  

Résumé

Insgesamt war ich sehr glücklich mit dieser Woche und diesem Kurs. Diese Erfahrung hat mir sehr interessante Einblicke in verschiedenste Improvisationskonzepte gegeben und v.a. meine Kommunikation zu anderen Musiker_innen und das Zuhören trainiert. Ich finde, dass sich jede_r klassische_r Musiker_in zumindestens ein Mal so intensiv mit der Kommunikation zwischen Musiker_innen und Tänzer_innen beschäftigen sollte. Natürlich habe ich auch jeden Tag neue Musiker_innen kennengelernt, die ich auch meine Freund_innen nennen kann! Mein Dank gilt auch dem Institut Ludwig van Beethoven und Frau Manon Winter, die mich zu diesem Kurs eingeladen hat! Ich hoffe, mein Beitrag konnte euch bereichern! Danke auch an Rasmus Kooskora von der Estonian Academy of Music and Theatre für die Fotos, die beim Unterricht entstanden sind! Euer David Roeck

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *