Zwischen Saudade und Samba

Extreme eines Auslandssemesters in Rio de Janeiro

2011/2012 hatte ich die Möglichkeit, ein Auslandssemester an der UNIRIO in Rio de Janeiro zu machen. Es folgt ein kleiner Einblick in meine Zeit in der Stadt des Zuckerhuts, oder wie die Cariocas (Bewohner von Rio de Janeiro) sie nennen, “a cidade maravilhosa” (die zauberhafte Stadt).

Eu sei que vou te amar – Ich weiß, ich werde dich lieben

Die brasilianische Kultur – insbesondere ihre Popularmusik und der Tanz – faszinierten mich schon in jungen Jahren. Meine Brasilien-Affinität kündigte sich schon im Kleinkindalter an: Jedes Mal, wenn der Song “Lambada” der Band Kaoma aus unserem Kassettenrekorder in der Arcisstraße 38 in München erschallte, holte ich mir einen Rock aus der Verkleidungskiste und begann, leidenschaftlich wild (vielleicht noch etwas unkoordiniert) zu tanzen. Als ich dann mit 13 Jahren den Film “Woman on Top”  sah, war es um mich geschehen.

Der Film ist eine leicht bekömmliche Hollywood-Liebeskomödie, musikalisch untermalt von wunderschönen Bossa Novas und Sambas von Größen der brasilianischen Popularmusik wie Baden Powell, Dori Caymmi und vielen mehr. Durch diesen Film kam ich das erste Mal ganz bewusst mit brasilianischer Musik in Berührung und seitdem verspüre ich jedes Mal einen Gefühlscocktail aus Melancholie, Freude, Leidenschaft und unstillbarer Sehnsucht. Die Brasilianer und Portugiesen haben dafür ein ganz eigenes Wort: SAUDADE.

Wikipedia sagt, “das Wort stammt zwar vom lateinischen solitudo, doch bedeutet es mitnichten nur “Einsamkeit”, denn hierfür haben sich aus dem gleichen Wortstamm solidão bzw soledade entwickelt. Saudade ist auch keine per se negative Stimmung, sondern wird (…) oft herbeigesehnt.”

Die Jahre vergingen, doch die Liebe zu Brasilien blieb bestehen. Also wagte ich den Schritt und ging nach Rio. Durch die Unterstützung vieler Personen konnte ich mein Auslandssemester verwirklichen und die Partnerschaft zwischen der mdw und der UNIRIO wurde offiziell.

Lost in Translation

Bonde in Rio de Janeiro
Die “Bonde”, eine alte Straßenbahn

Meine Entscheidung war gefällt. Jetzt stand mir die größte Hürde bevor: Das Organisieren und Planen der Reise. Und da mein Organisationsvermögen nicht sehr ausgeprägt ist, wusste ich natürlich überhaupt nicht, wo ich anfangen sollte.

Zuerst musste ich mich offiziell für ein Auslandssemester an der UNIRIO bewerben, die Partnerschaft zwischen den beiden Universitäten musste besiegelt werden. Ein erster Kontakt zwischen der mdw und der UNIRIO bestand bereits. Eine ehemalige Rhythmikstudentin des Hauses war vor mir in Rio gewesen und hatte an der UNIRIO ein Semester als außerordentliche Studentin absolviert. Jetzt musste das Ganze “nur noch” offiziellen Charakter bekommen. Das Problem dabei? Keiner der Verantwortlichen der UNIRIO sprach Englisch, was den E-Mail-Kontakt erschwerte. Auch die Homepage der Universität ist nur auf Portugiesisch.

Da ich Spanisch spreche und sich die beiden Sprachen sehr ähnlich sind, habe ich meist auf Spanisch geschrieben und ein paar portugiesische Wörter hinzugefügt. Das hat eigentlich ganz gut geklappt. Etwas schwieriger wurde es natürlich bei den offiziellen Dokumenten wie Bewerbung, Lebenslauf und vor allem der Partnerschaft, die von beiden Seiten abgesegnet werden musste.

Ich habe auf Spanisch geschrieben, meine Mutter, die Gott sei Dank Übersetzerin für Deutsch und Spanisch ist, korrigierte die Texte und ein brasilianischer Freund übersetzte sie auf Portugiesisch. Dann vice versa: Ich versuchte, die brasilianischen Dokumente aus dem Portugiesischen ins Deutsche zu übersetzen.

So stand die Genehmigung meines Auslandssemesters inmitten dieses Übersetzungschaos noch kurz vor Beginn auf wackligen Beinen. Den Flug hatte ich schon gebucht, damit er nicht zu teuer werden würde. Schlussendlich hat aber alles geklappt und ich konnte ganz offiziell mein Semester in Rio antreten.

Karneval in Rio
Karneval in Rio

Eliana allein in Rio de Janeiro

Zimmer in Wien aufgelöst,  von Freunden verabschiedet, alle sieben Sachen gepackt, Saxofon versichert, Studentenvisum, Malariaprophylaxe in der Tasche – für meinen geplanten Trip in den Amazonas – und Flugticket in der Hand. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

So stand ich im Morgengrauen in Schwechat beim Check-in-Schalter. Meine Mutter war extra von München angereist, um mir beim Wohnungsputz zu helfen und noch ein paar schöne Tage mit mir zu verbringen. Die Tränen standen ihr in den Augen.  Es war wohl eine Mischung aus Abschieds-, Freuden-, Angst- und ein klein bisschen Ärgertränen. Ich hatte es noch geschafft, zwei Tage vor der Abreise meine Bankomatkarte im Automaten stecken zu lassen und bei einer Party von einem Freund ein paar Gin Tonics über den Durst getrunken zu haben. So lag ich einen Tag vor Abflug mit Kater regungslos im Bett und meine arme Mutter musste alleine die ganze Wohnung putzen; der geplante Museumsbesuch fiel ins Wasser.

Bei der Ankunft an Rios Flughafen Antonio Carlos Jobim, benannt nach dem berühmten Bossa-Nova-Komponisten, kam ich mir ein bisschen vor wie Kevin allein in New York, wo er in das falsche Flugzeug steigt und ganz alleine und verloren  in einer großen Stadt ankommt. Doch ich bin nicht in den falschen Flieger eingestiegen, mein Ziel war mir bewusst und zum Glück war ich auch nicht ganz allein. Es erwartete mich ein brasilianischer Freund, den ich in Wien kennengelernt hatte. Er half mir, mich in den ersten Wochen zurecht zu finden und eine Wohnung zu suchen.

Da sich der Semesterbeginn wegen Streiks an der Uni um ganze zwei Wochen verzögerte, hatte ich noch etwas Zeit, anzukommen und mich einzuleben. Es war Juli und dort “Winter”.  Aber statt Schal und Haube zu tragen, lag ich im Bikini am Strand. Die winterlichen Temperaturen um die 25 Grad ließen sich gut aushalten 😉

Der Weg von der Wohnung zur Uni

Meine erste Wohnung, bzw. mein erstes winzig kleines Zimmer lag in Santa Teresa – ein malerischer Stadtteil auf einem Hügel im Herzen Rio de Janeiros, der auch als das Künstler-Hippie-Studenten-Viertel Rio de Janeiros gilt. Ich teilte mir das Haus mit jungen Leuten, die es aus ähnlichen Gründen wie mich nach Rio de Janeiro verschlagen hatte.

Es war ein reges Kommen und Gehen. Zu einigen meiner Mitbewohner habe ich immer noch Kontakt. Obwohl ich sehr zentral wohnte, war der Weg zur Uni sehr lang und bisweilen auch mühsam. Die dortigen Dimensionen sind anders als hier in Wien, wo alles recht überschaubar ist.

Auf einer Fläche von 1182 Quadratmetern leben in Rio de Janeiro rund 6,5 Millionen Einwohner. Um von A nach B zu kommen, muss man genug Zeit einplanen. Man lernt dadurch aber, gelassener zu sein und nicht 5.000 Dinge an verschiedenen Orten an einem Tag machen zu wollen. Das geht sich niemals aus! Nicht nur wegen der weiten Strecken,  sondern vor allem wegen des (öffentlichen) Verkehrs.

Eigentlich gibt es kein wirkliches System, oder ich habe es zumindest während meiner Zeit in Rio nicht durchschaut. An den Haltestellen gab es keine Zeitpläne oder Anzeigen. Der Bus kam, wann er wollte und hielt auch nur an, wenn man hektisch mit der Hand herumwedelte. Wie beim Autostop. Ich kam mir dabei Anfangs recht blöd vor, hatte aber nach kurzer Zeit den Dreh raus.

Bus 207 – Nächster Halt “Urca”!

Ich musste also mit einem Bus, am besten dem Bus 207, bis Urca fahren. Dort befindet sich die UNIRIO. Um aber zum Bus 207 zu gelangen, musste ich erst den Hügel hinunter kommen. Da gab es drei Möglichkeiten: Entweder mit dem Taxi nach unten. Die fahren aber äußerst ungern nach Santa Teresa wegen der steilen Auffahrt und der Pflastersteine. Es wurde mir aber auch erzählt, dass viele nicht nach Santa Teresa fahren wollen, weil es von Favelas umgeben ist und es immer wieder zu Überfällen und Diebstählen kommt. Ich habe das zum Glück nicht erlebt.

Möglichkeit Nummer 2: Mit einem kleinen Bus. Möglichkeit Nummer 3: Mit dem sogenannten “Moto Taxi” (Motorrad Taxi). Einfach Helm aufsetzen, hinten aufsteigen und schon beginnt die steile und kurvige Abfahrt. Und das in einem Mords-Tempo!

Da ich davor noch nie auf einem Motorrad gefahren bin, habe ich bei der ersten Fahrt einen halben Herzinfarkt erlitten. Danach habe ich dann immer den Fahrer gebeten, nicht zu schnell zu fahren. Es gab auch noch eine 4. Möglichkeit, von Santa Teresa hinunter zu kommen. Und zwar mit der “Bonde”, einer alten Straßenbahn (ähnelt jener von San Francisco), an die man sich einfach ranhängen konnte. Die Bonde ratterte einen wunderschönen Weg entlang und fuhr über die Arcos da Lapa (“Die Bögen von Lapa”), ein architektonisches Aquädukt im zentralen Stadtteil Lapa. Wegen mehrerer Unfälle wurde die Fahrt leider eingestellt.

Das Saxofon als Reisegepäck

Nun war ich in Lapa angekommen und musste nur noch in den Bus einsteigen und bei Urca aussteigen. Mit einem Tenorsaxofon in den überfüllten Bus einzusteigen entpuppte sich aber als schweres Unterfangen. Man muss eigentlich vorne beim Fahrer einsteigen und die Fahrt bezahlen. Dann öffnete sich die Drehschranke. Da passte ich aber mit dem Saxofon nicht durch. Es vom Rücken zu nehmen und über die Schranke zu heben war auch nicht leicht.

Also macht man es als Saxofonist oder mit anderen großen Instrumenten so, dass man den Fahrer bittet, die hintere Tür zu öffnen. Anschließend drängt man sich durch die Menschenmenge nach vorn, löst das Ticket und sucht sich schließlich (bereits schweißgebadet) einen Platz. Meistens fahren die Busfahrer auch nicht sehr vorsichtig und man wird regelrecht durch den Bus geschleudert. Während der Fahrt muss man immer aufmerksam sein, denn die Haltestellen werden weder angesagt noch auf einem Bildschirm angezeigt.

Außerdem hält der Bus nicht zwingend an jeder Station an – nur wenn Leute an der Haltestelle warten oder jemand aussteigt. Wenn man aussteigen möchte, muss man dies rechtzeitig signalisieren und an einer Schnur ziehen oder dem Fahrer zurufen, dass man aussteigen will. Nach einer ca. 30minütigen Fahrt mit dem Bus war ich dann endlich an der Uni angekommen.

Weissbueschelaffen
Weißbüscheläffchen lieben Bananen!

Das Uni-Leben

Die UNIRIO liegt direkt neben dem Zuckerhut und der Praia Vermelha (der rote Strand). Manchmal bin ich in den Pausen oder nach der Uni dort hinspaziert und habe die süßen kleinen Weißbüscheläffchen mit Banane gefüttert. Ich habe es geliebt!

An der Uni hatte ich Saxofon-Unterricht bei Marco Tulio, ein sehr netter und kompetenter Lehrer und Musiker, der sowohl in der brasilianischen Popularmusik als auch der klassischen Musik beheimatet ist. Jazz spielt er auch. Ich habe bei ihm vor allem Choros gespielt, weil mir dies am meisten am Herzen lag. Choro ist ein Genre der brasilianischen Popularmusik, der sich noch vor dem Samba und dem Bossa Nova in Rio de Janeiro entwickelt hat. Eine Mischung aus europäischen Melodien und Tänzen mit afro-brasilianischer Rhythmik. Da mir der Choro so gefällt und mich sehr interessiert, ist er auch Thema einer meiner beiden Bachelorarbeiten geworden.

Neben dem Instrumentalunterricht habe ich in einem Choro-Ensemble, einem Bossa-Nova-Ensemble und der Big Band mitgespielt. Es handelte sich aber nicht um eine traditionelle Jazz-Big-Band. Das Repertoire umfasste eine große Palette an unterschiedlichen Genres der brasilianischen Popularmusik. Wir spielten Sambas, Choros, Frevos, Bossa Novas und vieles mehr. Ein wunderbares Erlebnis, diese Musik in großer Besetzung zu spielen und zu erleben.

Choro-Ensemble
Musizieren im Choro-Ensemble

Dann besuchte ich noch die Lehrveranstaltung “Geschichte der brasilianischen Popularmusik”. Da ich mit meinem Spanisch relativ schnell das meiste zu verstehen begann, konnte ich dem Unterricht gut folgen. Das Sprechen ging dann auch recht bald. Ich spreche sicher kein perfektes Portugiesisch, eher portoñol (portugues und español), eine Mischung aus Portugiesisch und Spanisch.

In einem Seminar mit Praktikum hatte ich die Möglichkeit, beim Musikunterricht an einer öffentlichen Volksschule zu hospitieren und diesen mit meinen Studienkollegen mit zu gestalten. Die Kinder in der Klasse kamen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Wir sangen mit ihnen Lieder und spielten Rhythmen auf Alltagsgegenständen und kleinen Perkussionsinstrumenten. Da es nicht viele Instrumente an der Schule gab, mussten wir improvisieren.

Escola Portatil

Jeden Samstag quartiert sich die Escola Portatil in den Gebäuden der UNIRIO ein. Die Escola Portatil ist eine öffentliche Musikschule, die sich ganz dem Choro verschrieben hat. Als Studentin der UNIRIO konnte ich dort gratis Unterricht nehmen. Aber auch für Leute, die nicht an der Uni studieren, ist der Unterricht sehr billig. Es gibt keine Altersbegrenzung und keine unterschiedlichen Niveaus. Hier musizieren alle miteinander, jung und alt, AnfängerInnen und Fortgeschrittene. Es geht um die Liebe zur Musik, zum Choro. Nach dem Instrumentalunterricht in Gruppen gibt es immer ein öffentliches Konzert im Innenhof der Universität. Hier spielen dann alle zusammen: Eine Riesen-Band mit manchmal bis zu 100 MusikerInnen.

Escola Portatil
Die Escola Portatil ist eine öffentliche Musikschule, die sich ganz dem Choro verschrieben hat.

Die Escola Portatil organisiert auch ein jährliches Choro-Festival in Leme, Sao Paulo. Hier treffen Choro-LiebhaberInnen aus ganz Rio zusammen und spielen eine Woche lang nichts anderes. Spielen und Feiern, sieben Tage lang: Wunderbar! Ich hatte das Glück, dies selber mitzuerleben. Ich verbrachte eine intensive, unvergessliche und herrliche Woche!

Der Karneval ist da!

Karneval in Rio
Gastspiel am Karneval in Rio

Während des Karnevals befindet sich die Stadt im Ausnahmezustand. Und zwar nicht nur an den offiziellen drei oder vier Tagen. Schon Wochen davor starten die ersten Straßenumzüge der verschiedenen Blocos (spezielle Karneval-Kapellen). Zu jeder Tages- und Nachtzeit gibt es Umzüge. Es wird gefeiert, getanzt, getrunken und gebaggert. Das ist zwar sonst auch so in Rio, aber zum Karneval ganz besonders. Und man verkleidet sich. Oft verkleiden sich Männer als Frauen. Alles ist erlaubt.

Neben dem Straßenkarneval gibt es die weltweit bekannten Umzüge der Sambaschulen im Sambodrom. Ein guter Freund von mir war Tänzer an der Sambaschule Vila Isabel und “schleuste mich ein”. So geschah es, dass ich beim Karneval 2014 auf einem der riesigen Wägen der Sambaschule Vila Isabel durch den Ehrfurcht erzeugende Sambodromo tanzte. Ein ekstatischer Moment! Zwar war ich keine der mit Federn geschmückten halbnackten Sambatänzerinnen, dafür aber ein wunderschöner Leopard 🙂

Ich kann nur jeder und jedem wärmstens empfehlen, ein Auslandssemester zu machen. Man profitiert enorm davon! Nicht nur für das Studium, sondern für das ganze Leben.

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