Alles wartet auf die Kirschblüte

Zu Gast beim Kongress der Internationalen Musikwissenschaftlichen Gesellschaft an der Universität der Künste Tokyo

Mitglieder des Instituts für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung beim 20. Kongress der Internationalen Musikwissenschaftlichen Gesellschaft an der Universität der Künste Tokyo

Vom 19. bis 23. März 2017 veranstaltete die International Musicological Society (IMS) ihren alle fünf Jahre stattfindenden Kongress erstmals in Asien. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass die Gesellschaft 1927 in Gedenken an den 100. Todestag Beethovens gegründet worden war – was damals durchaus programmatisch verstanden werden sollte, befand sich doch “die seit Beethoven tradierte Vorstellung von Musik als Weltsprache immer noch auf ihrem Höhepunkt.” In weiter Ferne lag noch der musikwissenschaftliche Konsens unserer Zeit, dem gemäß wir nicht mehr nur von einer musikalischen Weltsprache, sondern vielmehr von ganzen Welten an Musiksprachen ausgehen, die sich darüber hinaus nicht allein in komponierter Musik erschöpfen und in jeder Hinsicht als gleichrangig betrachtet werden.

Gagaku
Rakuson (traditioneller Bugaku-Tanz) begleitet vom Gagaku-Ensemble Tokyo Gakuso unter der Leitung von Tadaaki Ohno, dem Musikdirektor des Kaiserlichen Hofamtes

Im Lichte postkolonialer Forschung und insbesondere der jüngeren Musikgeschichte Japans wird deutlich, wie bedeutsam der Veranstaltungsort Tokyo für diesen Kongress war: Die Gründung der ersten japanischen Musikausbildungsstätte – der Tōkyō Ongaku Gakkō – im Jahre 1887 wurde zum Initialereignis, das zu einer so nachhaltigen Verbreitung europäischer Kunstmusik im modernen Japan führte, dass sie von jüngeren japanischen Kulturwissenschaftler*innen sogar als eine Form der Selbstkolonisierung beschrieben wurde.

Geidai Gebaeude
Historisches Gebäude der Geidai-Universität, in dem 1887 die neu gegründete Tōkyō Ongaku Gakkō untergebracht war.

Mit der Einladung des musikwissenschaftlichen Instituts der Universität der Künste in Tokyo an Musikwissenschaftler*innen aus aller Welt, Beiträge zum bewusst breit gewählten Thema “Musikwissenschaft: Theorie und Praxis, Ost und West” zu präsentieren, verband sich daher nicht zuletzt die Hoffnung, dass dadurch “Sichtweisen von Ost und West” und der Frage nach kulturellen Unterschieden, “wie wir musikalische Erfahrungen machen und ihnen Sinn geben” Raum gegeben werden konnten.

Tatjana Markovic
Dr.in Tatjana Markovic

Innerhalb der IMS tauschen sich Fachvertreter*innen auf regelmäßiger Basis in vierzehn Study Groups zu gemeinsamen Forschungsinteressen aus (z.B. musikalische Ikonographie, Musik und Medien, Cantus planus etc.). Dr.in Tatjana Markovic vom Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung (imi) an der mdw ist die Leiterin der Study Group “Music and Cultural Studies” und hatte neben Jen-yen Chen (National Taiwan University Taipei / Harvard University) und Zdravko Blažeković (CUNY Graduate Center & RILM-Redaktion) mit Juri Giannini, Andreas Holzer und mir drei weitere Mitglieder des imi und zwei an unserem Institut betreute Dissertantinnen – Akiko Yamada (Betreuer/in: Gerold Gruber und Cornelia Szabó-Knotik) und Keiko Uchiyama (betreut von mir) – eingeladen, zum Thema “East Asia and Europe: From Cultural Exchange to Translation as Culture” zu diskutieren. Mit ihrem eigenen Vortrag “Ancient, Oriental, ‘Far’ or a Part of the Same World? East Asia in European Music Historiography” thematisierte sie grundlegende Fragen der Perspektivität musikhistorischer Narrative und entwarf damit den Rahmen um die Beiträge der eingeladenen Referent*innen.

Dessert
Dessert mit salzigen Kirschblütenknospen

Diese fokussierten in inspirierender Weise Quellen-/Interpretationsprobleme rund um chinesische und europäische Instrumente des 17./18. Jahrhunderts in den jeweils ‘anderen’ Kulturen (Jen-yen Chen, “Music as Translation: East-West Misunderstandings at the Qing Imperial Court”, Zdravko Blažeković, “Fictional and Factual Chinese Musical Instruments in Eighteenth-Century Europe”), musikbezogene Wissens- und Kulturpraktiken zwischen Japan und Europa (Akiko Yamada, “‘Daiku’: A Cultural Translation of Beethoven’s Ninth Symphony in Japan”, Andreas Holzer, “Cultural Translation as a Concept to Investigate Compositions Based on International Conditions”) sowie den personellen und institutionellen Austausch von Lehrenden und Studierenden der mdw und japanischen Institutionen (Juri Giannini, “Cultural Transfer in Arts Universities? A Case of the Vienna University of Music and Performing Arts”, Keiko Uchiyama, “Perspectives on Musicians Between Vienna and Tokyo Around 1900”).

Kirschzweig
Kirschzweig mit kaum geöffneter Blüte als Deko eines Fischfilets

Insbesondere im Austausch mit den beiden japanischen Dissertantinnen verband sich für mich als Dissertationsbetreuerin nicht zuletzt die Erfahrung, dass es großer Achtsamkeit bedarf, damit die kulturelle Perspektive von Nachwuchsforscher*innen nicht durch eine ‘Hierarchie’ (die fast unausweichlich in der Situation des Rat Gebens und Annehmens entsteht) gewissermaßen ‘kolonisiert’ wird. Das von Tatjana Markovic als Diskussionsthema vorgeschlagene Konzept der kulturellen Translation erwies sich als sehr geeignet, Effekte der ‘Domestizierung’ ebenso wie der ‘Verfremdung’ des eigenen wissenschaftlichen Handelns zu reflektieren.

Muelltrennungseinrichtung
Mülltrennungseinrichtungen im Ueno-Park. Jedes einzelne der Kompartimente der Einrichtung ist so groß wie ein Kinderbett.
Gullydeckel
Gullydeckel mit Kirschblütenmotiv im Ueno-Park

Der Zeitpunkt des Kongresses war von der japanischen Veranstaltungsleitung vorausschauend so gewählt worden, dass die aus aller Welt angereisten Vortragenden möglichst die Kirschblüte erleben würden. Allerdings durchkreuzte das Wetter diesen Plan, denn die Kirschbäume standen in Tokyo erst eine Woche nach Kongressende in voller Blüte. Sehr berührend war jedoch schon vorher zu beobachten, wie die Menschen in Tokyo dem Kirschblütenfest entgegenfieberten und schon Tage vorher die ersten Anzeichen in ihrem Alltag mitleben ließen – von noch nicht einmal voll entfalteten Kirschblüten in und auf den köstlichsten Speisen bis hin zu den zusätzlich aufgestellten Mülltrennungseinrichtungen und den Gullydeckeln im Ueno-Park.

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